Horrende Medi-Preise treiben kranke Schweizer nach Indien

Ein Hepatitis-C-Patient muss sich ein wichtiges Medikament in Indien besorgen, weil es ihm in der Schweiz verweigert wird. Das Bundesamt für Gesundheit hat das Mittel rationiert wegen des horrenden Preises. Experten warnen: Die Preisgier der Pharmaindustrie gefährdet unser Gesundheitssystem.

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Horrende Medi-Preise treibt kranke Schweizer nach Indien

17 min, aus Kassensturz vom 5.4.2016

In der Schweiz gibt es geschätzte 80‘000 Hepatitis-C-Erkrankte. Das Virus begünstigt unter anderem Schlaganfälle und ein Drittel der Patienten entwickelt Diabetes. Am stärksten betroffen ist die Leber. Diese erkrankt schlussendlich bei einem Teil der Patienten. Die Folgen: Lebertransplantation, Krebs oder Tod.

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Medikamentenkosten:

Medikamentenkosten:

20 Prozent der Patienten verursachen circa 80 Prozent der Medikamentenkosten. Und alleine Krebsmedikamente verursachen pro Jahr Kosten von rund 500 Mio Franken. Dies zwei Zahlen aus dem Helsana-Arzneimittelreport 2015. Weitere interessante Fakten finden Sie hier.

Die bisherigen Therapien helfen nur bei der Hälfte der Hepatitis-C-Patienten und haben massive Nebenwirkungen. Dann – vor zwei Jahren – schöpften die Erkrankten neue Hoffnung: Der Pharma-Hersteller Gilead brachte den Wirkstoff Sofosbuvir auf den Markt. Das Medikament Sovaldi und das Nachfolgepräparat Harvoni, die diesen Wirkstoff enthalten, heilen über 90 Prozent der Patienten mit einer einmaligen Therapie. Und erst noch praktisch ohne Nebenwirkungen. Doch viele sind jetzt enttäuscht.

Eine Tablette kostet 600 Franken

Der grosse Haken: Eine zwölfwöchige Behandlung kostet mit Sovaldi mindestens 48‘000 Franken, mit Harvoni sogar mehr als 50‘000 Franken. Und dies bei Herstellungskosten von gerade einmal 250 Franken. Branchenkenner schätzen zudem: Auch mit Entwicklungs- und Forschungskosten würde eine Therapie nur rund 1500 Franken kosten. Kein Wunder, erzielte die Firma Gilead Rekordgewinne. Alleine im Jahr 2014 verdiente der CEO John C. Martin inklusive Aktienoptionen rund 190 Millionen Dollar.

Auch Anton Kohler wäre auf das Medikament Harvoni angewiesen. Die alten Medikamente wirkten bei ihm nicht. Seine Ärzte bemühten sich um eine Kostengutsprache bei der Krankenkasse. Doch: «Die Krankenkasse sagt, das sei viel zu teuer. Obwohl die Ärzte der Meinung sind, dass ich die Medikamente brauche.»

Anton Kohler ist damit nicht allein: Tausende Hepatitis C-Infizierte in der Schweiz werden die neuen Medikamente ebenfalls nicht bekommen. Der Grund: Das Bundesamt für Gesundheit BAG limitierte die Vergütung der neuen Therapien. Nur Patienten mit einer fortgeschrittenen Lebererkrankung bekommen die Medikamente bezahlt.

Schwerer Leberschaden als Bedingung

Philip Bruggmann ist Chefarzt Innere Medizin in den Arud-Zentren für Suchtmedizin. Er ist Spezialist für Hepatitis-C und möchte die Krankheit bis 2030 in der Schweiz eliminieren. Doch mit diesen hohen Preisen sei das nicht möglich. Die Verantwortlichen müssten wie andere Länder raschmöglichst ein neues Preismodell anstreben, fordert er. Und findet klare Wort: «Für mich ist diese Limitierung durch das BAG ein hilfloser Versuch, die hohen Preise in den Griff zu bekommen. Aus medizinischer, aber auch aus ethischer Sicht ist das sehr fragwürdig.» Leidende Patienten müssten auf die Behandlung warten, bis sie einen gewissen Leberschaden aufweisen. «Das ist unverständlich. Und vor allem viele Patienten verstehen das nicht.»

Bundesamt: Wir haben kein Verhandlunsspielraum

«Kassensturz» bittet das BAG um eine Erklärung. Vizedirektor Oliver Peters versucht zu relativieren: Fast alle Länder würden diese Arzneimittel rationieren. Und den schwer beeinträchtigten Patienten müssten die Kassen das Medikament ja bezahlen. Ohnehin seien die sehr hohen Preise Schuld daran, betont Peters. Die gesetzlichen Vorgaben habe das BAG bei der Preisfestsetzung ausgenutzt. «Wir haben nur dann einen Verhandlungsspielraum, wenn wir Auslandpreisvergleiche haben, die publiziert sind. Diese ermöglichen uns, die Preise auf das Auslandniveau herunterzubringen. Oder die Hersteller verzichten freiwillig auf einen Teil der Einnahmen.» In diesem konkreten Fall sei das aber ein besonders hartes Pflaster.

Tipps an Betroffene:

Nicht locker lassen! Nach der ersten Ablehnung durch die Krankenkasse ein Wiedererwägungsgesuch stellen und nochmals möglichst detaillierte Unterlagen (Einschätzung der Ärzte, allenfalls Fotomaterial etc.) einreichen.
Bei erneuter Ablehnung eine beschwerdepflichtige Verfügung verlangen. Die Kasse muss daraufhin eine detaillierte schriftliche Begründung für den Entscheid liefern.
Diese Verfügung kann vor Gericht angefochten werden. In gewissen Kantonen (wie z.B. im Kanton Zürich oder Basel-Stadt) ist dieser Schritt sogar gratis.
Hepatitis-C-Patienten, die sich Medikamente in Indien besorgen wollen, sollten sich unbedingt vorher beraten lassen. Anlaufstelle: Arud - Zentren für Suchtmedizin (siehe Linkbox). Wichtig ist: Vor dem Behandlungsbeginn müssen Patienten im Besitz der kompletten Therapiedosis sein.

«Ruchloser Verdienst für die Pharmaindustrie»

Für Max Giger, den ehemaligen Präsidenten der Schweizer Arzneimittelkommission, ist klar: Die Preistreiberei der Pharmafirmen gefährdet unsere Sozialversicherung. Der Arzt fordert deshalb ein anderes Preisfestsetzungssystem: «Die Pharmaindustrie sollte aufzeigen müssen, wieviel sie investiert, von der klinischen Forschung bis zur Vermarktung. Gilead verdient weit über 30 Prozent und das ist ein ruchloser Verdienst und ein Ausbeuten der Sozialsysteme.»

Gilead rechtfertigt seine Preise und schreibt «Kassensturz»: «Mit unseren Hepatitis-C-Medikamenten werden zum ersten Mal neun von zehn Patienten in durchschnittlich zwölf Wochen ohne nennenswerte Nebenwirkungen geheilt; und dies zu tieferen Kosten pro Heilung als bei den herkömmlichen Hepatitis-C-Therapien, die bei einer Therapiedauer von zwölf Monaten hohe Nebenwirkungen verursachen.»

Preise sind eine Gefahr für unsere Gesundheitsversorgung

Doch für Oliver Peters vom BAG geht die Rechnung von Gilead nicht auf. Im Gegenteil: Die immer höheren Preise seien langfristig eine Gefahr für unsere Gesundheitsversorgung: «So gehen auch andere Firmen in anderen Anwendungsgebieten ans Maximum. Diese grosse Diskussion ist die erste einer ganzen Reihe, die wir haben werden.»

In Indien Medikament besorgt

Anton Kohler hat nach Alternativen gesucht und in Indien gefunden. Die Pharmafirma Mylan stellt das Generikum von Harvoni für Patienten in Entwicklungsländern her. Je nach Bezugsquelle kostet eine Dreimonatstherapie mit dem Medikament MyHep LVIR rund 1000 Franken – also 50 Mal weniger. Für Reise, Lieferung und Medikamente hat der Hepatitis-Patient insgesamt 6500 Franken aus der eigenen Tasche bezahlt.

Eine Sache stört ihn dabei ganz besonders: «Ich arbeitete in Entwicklungsländern und sah, wie sich die Menschen dort wichtige Medikamente nicht leisten konnten. Genau das Gleiche passiert mir hier in der Schweiz. Unser Gesundheitssystem verweigert mir die Medikamente, die ich brauche.»

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