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Cyberkriminalität SMS-Blaster: neue, perfide Betrugsmasche in der Schweiz

Ein unscheinbares, mobiles Gerät verschickt massenhaft Fake-SMS – die Masche ist verbreiteter als bisher bekannt.

Jemand fährt mehrmals durch eine belebte Innenstadt. Im Kofferraum: ein unscheinbares Gerät – ein sogenannter SMS-Blaster. Damit verschickt der Täter automatisch Phishing-SMS an alle Smartphones in der näheren Umgebung. Ohne dass er die Telefonnummern kennen muss. So geschehen letzten Sommer in Genf.

So funktioniert ein SMS-Blaster

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Ein SMS-Blaster ist etwa so gross wie ein Computergehäuse und passt in einen Kofferraum oder einen Rucksack. Der SMS-Blaster täuscht vor, eine legitime Mobilfunkantenne zu sein. Mit seinem starken Signal zwingt er die Smartphones in einem Umkreis von 500 bis 1000 Metern, sich mit ihm zu verbinden.  

Sobald die Smartphones mit der Fake-Antenne verbunden sind, erhalten sie automatisch ein betrügerisches SMS – ohne dass die Täter die Telefonnummern kennen müssen. Auch der Absendername lässt sich frei wählen (Spoofing). So können die Phishing-SMS gezielt an Ort und Situation angepasst werden.

Technisch zwingt ein SMS-Blaster die Smartphones kurzzeitig ins veraltete 2G-Netz. Dort nutzt er eine bekannte Schwachstelle aus (eine sogenannte «Null‑Cipher»), um Nachrichten ungeprüft zuzustellen.  

Die Masche funktioniert, obwohl das 2G-Netz in der Schweiz abgeschaltet ist. Denn die Täter betreiben sozusagen ihre eigene Antenne und umgehen so die Schutzfilter der Mobilfunkanbieter.

Auch moderne Smartphones können sich weiterhin mit 2G verbinden – weil der Standard in vielen Ländern noch genutzt wird.

Die Nachricht warnt vor einer angeblichen Parkbusse von 40 Franken, die rasch bezahlt werden müsse. Sonst verdopple sich der Betrag. Dann folgt ein Link. Dieser führt auf eine Website, die täuschend ähnlich aussieht wie die offizielle Bussen-Plattform – inklusive Formular zum Ausfüllen.

Eine raffinierte Betrugsmasche. Wer darauf hereinfällt, liefert den Betrügerinnen und Betrügern persönliche Daten und Kontoinformationen.

Insgesamt sind der Genfer Staatsanwaltschaft 154 Geschädigte bekannt. Die Schadenssumme: fast zwei Millionen Franken.

Wie Betrüger Schutzmechanismen umgehen

Phishing-SMS und gefälschte Parkbussen gehören längst zum Alltag. Neu ist, wie die Fake-Nachrichten verbreitet werden. Der SMS-Blaster täuscht vor, eine offizielle Mobilfunkantenne zu sein. Das Missbrauchspotenzial ist gross – besonders in belebten Gegenden, sagt Cybersecurity-Experte Marc Ruef: «Für Betrüger sind diese Geräte attraktiv, weil sie sich einsetzen lassen, ohne auf das Netz der Telekommunikations­anbieter angewiesen zu sein.»

2022 führten Swisscom, Sunrise und Salt sogenannte SMS-Filter ein. Damit blockieren sie täglich Zehntausende betrügerische SMS. Doch SMS-Blaster umgehen diese Schutzmechanismen.

Mehr Kantone betroffen als bekannt

Diese Betrugsmasche ist neu in der Schweiz und tauchte erstmals in Genf auf. Recherchen des «Kassensturz» zeigen jedoch: Genf ist kein Einzelfall. Auch der Kanton Waadt ist betroffen. Dort verloren laut Staatsanwaltschaft rund 40 Personen insgesamt 260'000 Franken.

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Weiter bestätigen die Kantonspolizeien aus Zürich, Luzern, Zug und dem Tessin Einsätze von SMS-Blastern auf ihrem Kantonsgebiet. Details nennen sie nicht – einige Behörden machen aus ermittlungstaktischen Gründen keine weiteren Angaben. Bekannt ist zudem ein Fall aus Basel-Stadt und Basel-Landschaft.

Grosse Herausforderung für Ermittler

In der dicht besiedelten Region zwischen Muttenz und Basel war im vergangenen Herbst ein Täter mit einem SMS-Blaster im Kofferraum unterwegs. Er verschickte Phishing-SMS, unter anderem im Namen der Migros.

Die Polizei Basel-Landschaft zeigt dem «Kassensturz» erstmals öffentlich einen sichergestellten SMS-Blaster.

Spezialisten der Cybercrime-Abteilung nahmen das Gerät unter die Lupe. Es war an eine Autobatterie angeschlossen und wurde per App gesteuert. Der mutmassliche Täter soll an einem einzigen Tag rund 100'000 Smartphones erreicht haben. Finanzielle Schäden seien jedoch nicht bekannt.

So schützen Sie sich vor SMS-Blastern und Phishing-SMS

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Einige Smartphones lassen sich so einstellen, dass sie sich nicht mit dem veralteten 2G-Mobilfunknetz verbinden. Damit wird es für SMS‑Blaster praktisch unmöglich, Nachrichten zuzustellen. In der Schweiz ist das sinnvoll, da das Netz ohnehin abgeschaltet ist.

  • Android: Auf vielen Geräten lässt sich 2G in den Einstellungen deaktivieren (unter «Netzwerk & Internet»).
  • iPhone: Eine direkte Abschaltung von 2G ist nicht möglich. Alternativ kann in den Einstellungen der sogenannte Blockierungsmodus aktiviert werden (unter «Datenschutz & Sicherheit»). Dieser verhindert die Verbindung zu 2G, schränkt aber auch andere Funktionen ein.
  • Wichtig: In anderen Ländern ist 2G weiterhin in Betrieb. Eine Deaktivierung kann im Ausland zu eingeschränktem Empfang führen. 

Allgemein empfiehlt das Bundesamt für Cybersicherheit:

  • Seien Sie misstrauisch bei SMS, die zur Zahlung auffordern – insbesondere bei angeblichen Parkbussen.
  • Klicken Sie keine Links in verdächtigen SMS an.
  • Geben Sie niemals persönliche Daten oder Kreditkartennummern auf unbekannten Seiten ein.
  • Prüfen Sie Forderungen immer direkt bei den offiziellen Stellen.

Für die Polizei sind solche Geräte schwer aufzuspüren. Die Täter agieren mobil und kurzfristig, sagt Lukas Wunderlin, Leiter Cybercrime der Polizei Basel-Landschaft. Trotzdem konnte in diesem Fall ein chinesischer Staatsbürger festgenommen werden. Wie genau, will die Polizei nicht sagen. Aber: «Ein SMS-Blaster hinterlässt viele elektronische Spuren», sagt Wunderlin.

Das Verfahren gegen den mutmasslichen Täter läuft. Die Polizei bestätigt zudem, dass er nicht allein gehandelt hat: «Die bisherigen Ermittlungen deuten darauf hin, dass er Teil eines Netzwerks war.»

Radio SRF1, Espresso, 28.4.26, 8:10 Uhr

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