Rabatte bis zu 80 Prozent, «handgefertigte» Exemplare und dann noch «nachhaltig» – so wirbt der Onlineshop bernstil.ch. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Bernstil.ch macht Angaben, die mit der Wahrheit wenig zu tun haben.
Anstatt hochwertige Produkte aus der Schweiz wird den Kunden Billigramsch aus China geliefert. So erging es auch Giorgio Maruccio. Auf Facebook fällt ihm eine Anzeige von bernstil.ch auf.
Der Shop wirbt mit einer Lederjacke, die statt 590 Franken nur noch 99.95 Franken kostet. «Das Inserat hat auf mich einen sehr professionellen Eindruck gemacht», sagt Giorgio Maruccio. Überzeugt habe ihn, dass die hohen Rabatte mit einem Ausverkauf begründet wurden. Wenige Wochen später kam aber keine handgefertigte Lederjacke, sondern industrielle Massenware.
Kein Einzelfall
Bernstil.ch wirbt mit befristeten Rabatten. In Wahrheit bleiben diese Angebote über Wochen auf der Seite. Ausserdem wurden die Bilder zum Shop mit KI generiert: Im Hintergrund sind Berge zu sehen. Die Stadt Bern liegt allerdings nicht inmitten von Bergen.
Ein ähnlicher Onlineshop ist baselstil.ch. Die Shops ähneln sich nicht nur im Namen, sondern auch im Layout und den Formulierungen. Beide haben auf Anfragen von «Kassensturz» nicht reagiert. Die Seite von bernstil.ch wurde inzwischen deaktiviert.
Die Masche ist weit verbreitet: Täglich melden sich Konsumentinnen beim «Kassensturz» mit ähnlich negativen Erfahrungen. Dabei handelt es sich meist um Dropshipping.
Social Media-Plattformen profitieren
Auch in der Jahresstatistik der Stiftung für Konsumentenschutz ist Dropshipping Konsumärger Nummer 1: Im letzten Jahr gingen dort über 1500 Beschwerden dazu ein.
Die Geschäftsleiterin der Stiftung, Sara Stalder, kritisiert den Mutterkonzern von Facebook: «Gerade solche Betrugsmaschen sind sehr lukrativ für Social-Media-Plattformen wie beispielsweise Facebook», sagt sie. Denn die dubiosen Anbieter zahlen den Plattformen Milliarden für die Werbung ihrer Shops.
Giorgio Maruccio meldete bernstil.ch bei Facebook. Die Antwort von Facebook erstaunt: «Wir haben diese Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Community Standards verstösst.»
Wie kann es sein, dass Facebook Onlineshops wie bernstil.ch nicht aus dem Verkehr zieht, obwohl diese die Kundschaft in die Irre führen? Trotz mehrerer Anfragen von Kassensturz reagiert der Mutterkonzern Meta zunächst nicht. Dann plötzlich: Die Facebook-Seite von bernstil.ch wie auch deren Webseite ist deaktiviert.
Aufsichtsbehörde in der Kritik
Sara Stalder kritisiert auch das Verhalten der zuständigen Aufsichts-Behörde, dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco): «Wir sind der Meinung, dass das Seco das besser in die Hand nehmen sollte, um eine koordinierte Aktion gegen diese Dropshipping-Onlineshops zu machen.» Kurz gesagt: Die Akteure sollen enger zusammenarbeiten.
Diese Kritik weist Philippe Barman, stellvertretender Leiter Ressort Recht beim Seco zurück: «Das Seco macht sehr viel in diesem Bereich. Einerseits klagt sie selbst, andererseits macht sie Meldungen bei Domainverwalter für Webseiten, die gelöscht werden.» Zudem arbeite das Seco bereits mit verschiedenen Behörden zusammen. Bisher stellte das Seco nur zwei Strafanträge.
Das Seco bietet auf ihrer Webseite Tipps zum sicheren Umgang mit Online-Shops an. Zudem können verdächtige Onlineshops dem Seco gemeldet werden.