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Mode «Made in Italy» Undercover-Recherche zeigt: Ausbeutung hinter Italiens Modeglanz

«Made in Italy» steht für Qualität. Recherchen zeigen Ausbeutung in der Modeindustrie – bei Fast Fashion und Luxus.

«Wir mussten bis zu zwölf Stunden arbeiten, statt wie vereinbart acht, an sechs Tagen pro Woche. Und dies ohne Schutz bei Krankheit.» Ghulam Damar arbeitete als Textilarbeiter in Prato, einer Stadt in der Toskana.

Prato ist ein Hotspot der italienischen Modeproduktion. Rund 7000 Firmen produzieren hier Kleidung, von Fast Fashion bis Luxus. Mehr als die Hälfte der Betriebe ist in chinesischer Hand.

Über 30 000 chinesische Staatsangehörige leben offiziell in der Stadt, viele arbeiten in der Bekleidungsindustrie. Unter Bedingungen, die man in Italien nicht erwarten würde.

Wer kämpfte, verlor die Stelle

Ende März protestierten Arbeiter und Gewerkschafter vor dem Provinzgebäude. Es geht um 18 ehemalige Angestellte der Firma L’Alba. Sie hatten sich gegen ausbeuterische Bedingungen gewehrt, und ihre Rechte eingefordert.

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Legende: Diese Textilarbeiter streiken, weil sie Arbeitstage von bis zu 12 Stunden hatten. SRF

Zunächst gab ihnen die Firma einen korrekten Vertrag. Darauf schloss L’Alba die Produktionsstätte, eröffnete unter einem anderen Namen neue, führte die gleichen Aufträge weiter und entliess die Arbeiter, die sich gewehrt haben.

L’Alba produzierte Kleider für bekannte Modemarken wie Dixie oder Patrizia Pepe, die ihre Kleidung auch in der Schweiz verkaufen. «Wir fordern, dass diese Brands Verantwortung für die Arbeiter übernehmen. Dass sie innerhalb ihrer Lieferkette arbeiten können. Mit korrekten Verträgen», sagt Elena Amadei von der Gewerkschaft Sudd Cobas, die für Textilarbeiter in Prato kämpft. Die Firmen weisen die Vorwürfe zurück (siehe Textbox).

Stellungnahmen Patrizia Pepe und Dixie

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Tessilform SpA, Patrizia Pepe:

•    Wie konnte es dazu kommen, dass einer Ihrer Lieferanten die geltenden Vorschriften nicht eingehalten hat? Tessilform hat ein wirksames Kontrollsystem eingeführt, und die Nichteinhaltung der Vorschriften scheint sich auf die letzten Monate des Vertragsverhältnisses zu beziehen; daher gab es im Hinblick auf das zuletzt durchgeführte Audit weder Anzeichen noch Hinweise darauf. Es obliegt jedoch in erster Linie den Behörden und nicht Tessilform, die allgemeine Einhaltung der Gesetze zu überprüfen.

•    Warum hat es über sechs Monate gedauert, bis eine Lösung für die betroffenen Arbeitnehmer gefunden wurde? Der Prozess wurde von der Provinz Prato geleitet, die den Zeitplan festlegte; wir sind der Ansicht, dass dieser in jedem Fall angemessen war für die Behandlung einer so komplexen Problematik, an der ein Unternehmen, ALBA, das in Liquidation ging, ein Übernehmer eines Teils der Belegschaft und eine grosse Anzahl von Zulieferfirmen beteiligt waren, die nach dem positiven Ausgang des Verfahrens den Übernehmer unterstützt haben.

•    Welche Massnahmen ergreifen Sie, um angemessene Arbeitsbedingungen entlang Ihrer Lieferkette zu gewährleisten? Tessilform hat seit jeher hohe Kontrollstandards angewendet, deren Wirksamkeit nicht nachträglich bewertet werden kann und darf. Seit Oktober 2024 hat das Unternehmen entsprechende Verfahren eingeführt und kürzlich die Kontrollen durch die Übernahme von Standards weiter verstärkt, die in Italien auf das sogenannte „Mode-Protokoll“ zurückgehen.

Dixie:

DIXIE erfuhr erst am 22. September 2025 von der Angelegenheit bei „L'Alba“, als sie von Suddcobas eine zertifizierte E-Mail (PEC) erhielt, in der ein detaillierter Bericht über den Sachverhalt enthalten war und das Unternehmen aufgefordert wurde, an einem institutionellen Gespräch teilzunehmen, das auf die Sicherung der Arbeitsplätze abzielte. Von Anfang an hat DIXIE klargestellt, dass es mit der Angelegenheit nichts zu tun hat: DIXIE arbeitet mit lokalen Unternehmen zusammen und wählt und überprüft jeden Schritt seiner Produktionskette sorgfältig und gewissenhaft, unter vollständiger Einhaltung seines Managementmodells und des Verhaltenskodexes. Das Unternehmen wendet seit langem die in der Gesetzesverordnung 231/2001 vorgesehenen Kontrollmethoden für die Lieferkette an und hatte zum Zeitpunkt der Ereignisse die Zusammenarbeit mit diesem Unternehmen bereits seit über einem Jahr eingestellt.

Von Anfang an hat sich DIXIE bemüht, in dieser Angelegenheit grösstmögliche Klarheit zu schaffen, und es stellte sich heraus, dass einer ihrer Lieferanten im Sommer 2025 „L'Alba“ lediglich mit dem Bügeln einer – im Übrigen sehr geringen – Anzahl von Kleidungsstücken beauftragt hatte.

Dennoch sah DIXIE in dem von der Provinz Prato initiierten „Experimentier“-Rundengespräch eine wertvolle Gelegenheit zum Austausch zwischen den auftraggebenden Unternehmen sowie den Institutionen und Gewerkschaftsvertretern. Das Unternehmen hat sich aktiv daran beteiligt, da es die Notwendigkeit, in einer Lieferkette zu agieren, die die Achtung der Rechte und die Qualität der Produktion gewährleistet, als Priorität ansah. Bei dem Treffen am 20. November 2025 stellte sich ein erstes Unternehmen am Tisch vor, das Interesse bekundet hatte, die Einstellung von Arbeitnehmern in einer neuen Einrichtung zu prüfen, die im Gebiet von Prato eröffnet werden sollte, um den Unternehmen entgegenzukommen, die Schwierigkeiten hatten, bestimmte Arbeitsprozesse im Bezirk aufrechtzuerhalten.

In den folgenden Wochen fanden Gespräche zwischen den Parteien und mit den Institutionen statt, die jedoch zu keinem konkreten Ergebnis führten. Bei der Sitzung am 2. März 2026 erklärte dieses Unternehmen nach wochenlangen Überprüfungen und Gesprächen, dass es dieses Projekt aufgrund der übermässigen Komplexität (angefangen bei der objektiven Schwierigkeit, eine für die Tätigkeit geeignete Immobilie zu finden) nicht starten könne, und „zog sich“ aus den Verhandlungen zurück.

Der Zeitaufwand in dieser ersten Phase rechtfertigt oft die sechs Monate, die benötigt wurden, um zu einer Lösung zu gelangen. Am 2. März schloss sich ein zweites Unternehmen den Verhandlungen an, das in der Zwischenzeit Interesse an dem Projekt bekundet hatte. Dank der tatkräftigen Zusammenarbeit der Auftraggeber, die wie DIXIE dem Projekt auch Aufträge und Volumina zur Verfügung stellten, die zuvor nicht bei L'Alba in Bearbeitung waren, gelangte man zu diesem Zeitpunkt sehr schnell zu einer Einigung.

Intransparente Lieferketten

Das Problem hat System: Kleidung wird selten direkt für Marken hergestellt. Aufträge werden weitergegeben, ausgelagert, aufgesplittet. Diese mehrstufigen Lieferketten schaffen ein Umfeld, in dem Arbeitsbedingungen schwerer zu kontrollieren sind.

Kassensturz probierte, Zutritt zu Textilproduktionsfirmen in Prato zu erhalten. Doch ohne Erfolg: Es sind keine Verantwortlichen vor Ort, Türen bleiben geschlossen oder werden der Journalistin vor der Nase zugeknallt. 

Blick hinter verschlossene Türen

Erst Undercover, als angebliche Käuferinnen, gibt es Einblick: improvisierte Arbeitsplätze, Nähen und Essen am selben Ort. Notausgänge sind blockiert – eine tödliche Gefahr: 2013 starben in Prato sieben Arbeiter bei einem Brand.

Auffällig ist der hohe Anteil chinesischer Arbeiter in den Textilbetrieben von Prato. Laut Gewerkschaften arbeiten viele ohne regulären Vertrag, leben in firmeneigenen Unterkünften und sprechen kaum Italienisch.

«Kassensturz» ist an Ihrer Meinung interessiert

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Diese Isolation macht sie besonders erpressbar. Kontrollen zeigen immer wieder: Viele Angestellte haben keinen oder keinen korrekten Vertrag.

Luxusmarken unter Zwangsverwaltung

Auch Behörden bestätigen Missstände: In Mailand stellte die Staatsanwaltschaft fünf Luxusmarken unter Zwangsverwaltung. Das bedeutet: ein gerichtlicher Verwalter überwachte den Betrieb für eine Zeitlang. Darunter Manufactures Dior, Giorgio Armani Operations, und Valentino Bags. Gründe sind unter anderen: Systematische Ausbeutung, extrem lange Arbeitszeiten und illegale Subunternehmer.

Ein seltener Sieg

Nach 193 Tagen Protest und elf Verhandlungen am runden Tisch kommt es in Prato zu einem Erfolg: Die Arbeiter erhalten ab Mai wieder feste Stellen – die Marken übernehmen direkt Verantwortung. «Mir fehlen die Worte, ich bin so glücklich», sagt Ghulam Damar. «Das ist zum ersten Mal in Italien passiert.»

Doch viele andere Arbeiter kämpfen noch immer für ihre Rechte.

Kassensturz, 21.04.26, 21:10 Uhr ; 

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