«Der Haushaltsabfall halbiert sich, wenn ich Plastikverpackungen sammle», stellt André Ruch als Erstes fest. Einen Monat lang stopft er seinen Plastikhaushaltsabfall in einen 35-Liter-Sack: «Bis jetzt habe ich keinen Plastik gesammelt, ausser die Flaschen bei Migros und Coop eingeworfen.»
André Ruch macht sich auf eine Recyclingreise: Das Ziel des Versuchs: Herauszufinden, wie oft Plastik ein zweites Leben findet und ob Recycling wirklich gegen die Plastikschwemme hilft.
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Jährlich 127 Kilogramm Plastik pro Kopf
Die Schweiz gehört in Europa zu den drei grössten Plastikverbrauchern: 127 kg pro Kopf verbrauchen wir jedes Jahr.
Zum Vergleich: In Afrika sind es 13 Kilogramm pro Kopf, in den USA 216 Kilogramm. Wo sich alle einig sind: Es ist zu viel, wir haben ein Plastikproblem. Doch wie es zu lösen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Greenpeace und Konsumentenschutz kritisieren Recycling
Plastikverbrauch reduzieren: Das fordert die Umweltorganisation Greenpeace. Das Recycling gebe den Konsumentinnen nur die Illusion, etwas für die Umwelt zu tun, dabei reduziere sich die viel zu grosse Plastikmenge nicht, kritisiert Joëlle Hérin, Kampagnenleiterin bei Greenpeace. Die Erdölbranche bekomme vielmehr einen Freipass, noch mehr Plastik zu produzieren.
Auch der Schweizer Konsumentenschutz rät nicht zum Plastiksammeln. «Für uns grenzt das an Greenwashing, wenn behauptet wird, es handle sich hier um Recycling», sagt Geschäftsführerin Sara Stalder. «Aus einem Joghurtbecher wird nicht wieder ein Joghurtbecher, wie das bei einer PET-Flasche der Fall ist.»
André Ruch wirft seinen Plastiksammelsack bei der Migros in Oerlikon ein. Die erste Reise des Plastiks ist ein LKW-Transport von Zürich Richtung Österreich. Plastik kann nur weiterverkauft werden, wenn er in verschiedene Fraktionen sortiert ist. Das geschieht bei Loacker Recycling in Lustenau im Vorarlberg, dem grössten Sortierer von Schweizer Plastik.
Löst Recycling das Plastikproblem?
Den ganzen Recylingprozess organisiert die Firma Innorecycling aus dem Thurgau. Recypac bezahlt sie für die Übernahme des Plastiks. Geschäftsführer Markus Tonner ist ein grosser Verfechter des Recyclings: «Recycling alleine reicht zwar nicht, um die Plastikflut einzudämmen. Aber immerhin können wir damit Neuplastik einsparen», erklärt er André Ruch in Lustenau, «plus CO₂-Emissionen einsparen».
Berechnungen hätten ergeben, dass zwei Jahre Plastikrecycling allerdings nur etwa einen Kurzstreckenflug in Europa in Sachen CO₂ kompensiere, relativiert Helene Wiesinger, Verpackungswissenschaftlerin bei der Non-Profit-Organisation Food Packaging Forum.
Nur 3 Prozent des Haushaltsplastiks wird recycelt
Jedes Jahr werden in der Schweiz 790'000 Tonnen Kunststoffabfälle weggeworfen, die Hälfte davon sind Verpackungen. Der grösste Teil wird heute mit dem Kehricht verbrannt. Erst drei Prozent des Haushaltsplastiks werden recycelt.
Denn verbrennen ist einfacher und kostengünstiger als Recycling. 250 Franken pro Tonne kostet das Verbrennen, Recycling kommt auf 750 Franken pro Tonne.
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Zudem kann man die Wärme der Kehrichtverbrennung auch als Fernwärme zur Energieversorgung nutzen. Aber das entstehende CO₂ belastet die Umwelt.
Neuer nationaler Plastiksammelsack
Es gibt schon seit einigen Jahren lokale Plastiksammlungen. Jetzt soll aber ein nationaler Plastiksammelsack, der «Recypac», Schweizerinnen und Schweizer zu mehr Recycling motivieren.
Der Sammelsack soll zukünftig flächendeckend in der Schweiz erhältlich sein, verkauft von Grossverteilern, bei denen auch Sammelstellen aufgebaut werden. «Wir streben damit eine Recyclingquote von 55 Prozent bei Kunststoffverpackungen an und 70 Prozent bei Getränkekartons», umschreibt die Geschäftsführerin Odile Inauen das ambitiöse Ziel.
Detailhandel: Ende der Gratissammelstellen?
Obwohl Hersteller und Grossverteiler das neue «Recypac»-System mitfinanzieren, sind es am Schluss die Konsumentinnen und Konsumenten, die das Recycling zum grossen Teil finanzieren.
Denn die Säcke kosten Fr. 1.60 pro 35-Liter-Sack, etwa gleich viel wie Kehrichtsäcke. Und es könnte sein, dass sich der Gratiseinwurf bei den Grossverteilern von Duschbehältern und Waschmittelflaschen dem Ende zu neigt, wenn sich der Sack durchsetzt.
Wieviel Plastik ist recycelbar?
André Ruch verfolgt den sortierten Plastik retour in die Schweiz. «Von 100 Kilogramm gesammelten Haushaltplastiks können wir rund 66 Kilogramm aussortieren und dem Recyclingprozess zuführen», zieht Markus Tonner von Innorecycling Fazit. «Der Rest, rund 34 Kilogramm, geht nach dem Sortieren in die Zementindustrie, wo es als Ersatzbrennstoff genutzt wird, und in die Kehrichtverbrennung».
Nicht recycelbar ist Mehrschichtplastik. «Das sind etwa die Abdeckfolien von Fleischverpackungen. Aber auch Hunde- und Katzennahrungsbeutel», erklärt Markus Tonner. Die restlichen Plastiksorten können zur Wiederverwertung verkauft werden. Am wertvollsten ist zurzeit Polypropylen, daraus bestehen etwa Shampooflaschen.
Was wird aus dem Abfallplastik?
Polypropylen und Polyethylen verarbeitet die Firma Innoplastics in Eschlikon weiter. Sie ist in der Schweiz Pionierin bei der Herstellung von Granulat für recycelte Plastikprodukte.
Lebensmittelverpackungen dürfen nicht aus recycelten Plastik hergestellt werden. Aus dem Granulat werden graue Flaschen für Reinigungsmittel oder Blumentöpfe und Kabelschutzrohre – keine Joghurtbecher.
Heikle Lebensmittelverpackungen
Verpackungswissenschaftlerin Helene Wiesinger hält es für schwierig, aus recyceltem Plastik wieder neue Lebensmittelverpackungen herzustellen: «Es können Chemikalien von der Verpackung in die Lebensmittel gelangen.»
Ein Grossteil der Chemikalien ist noch nicht gut erforscht. Beim Recycling haben wir noch weniger Kontrolle, was am Schluss im Produkt landet. Denn das Material ist grossem Stress ausgesetzt, etwa Hitze – und zudem entsteht das Rezyklat aus verschiedenen Kunststoffen.
Trotzdem seien die neuen Recyclingprodukte wertvoll und mehr als nur Downcycling, wie Kritiker monieren, kontert Philippe Model von Innoplastics: «Wenn wir nachher ein Produkt haben mit einer Lebensdauer von 80 Jahren, wie bei Kabelschutzrohren, ist das nicht Downcycling. Das sind unendlich lange Lebenszyklen, die wir hier erreichen».
Hat Rezyklat eine Chance am Markt?
André Ruch stellt fest: Plastikrecycling ist ein hartes Geschäft – und zurzeit nicht rentabel. Ein sortierter Sack von 35 Liter hat keinen Wert, sondern verursacht im Gegenteil Kosten von 10 Rappen, weil Kunststoff aus China und den USA den europäischen Markt flutet und den Preis drückt. Ausserdem ist das Sortieren teuer.
Wir brauchen gesetzliche Vorschriften, die einen Rezyklat-Anteil in neuen Plastikverpackungen vorschreiben.
Dazu kommt: Das Granulat, das daraus hergestellt wird, hat Absatzprobleme. Denn Neuplastik ist überall billig erhältlich und einfacher zu verarbeiten. «Wir brauchen gesetzliche Vorschriften, die einen Rezyklat-Anteil in neuen Plastikverpackungen vorschreiben», erklärt Philippe Model, «nur so kommt Recycling in Fahrt.»
Tatsächlich sieht die EU entsprechende Vorschriften ab 2030 vor. Die Schweiz wird mit der neuen Verpackungsverordnung voraussichtlich keine Mindesteinsatzquoten von Recyclingmaterial vorschreiben.
Fazit zum Recycling
Und was ist nun das Fazit? Zum Schluss seiner Reise trifft André Ruch die Verpackungswissenschaftlerin Helene Wiesinger. Sie steht Recycling kritisch gegenüber: «Das Hauptproblem ist, dass wir zu viele Einwegkunststoffe produzieren. Reduzieren und Wiederverwenden sind Strategien aus der Kreislaufwirtschaft, die besser funktionieren würden als alles recyceln.»
Sammeln oder nicht? Eine klare Antwort ist schwierig. Die Schweiz setzt mit dem Recypac zukünftig auf Plastikrecycling. Doch ohne das Vorschreiben von Mindestanteilen von Rezyklaten in neuen Produkten dürfte es für die Branche wirtschaftlich schwierig sein.
Für André Ruch ist klar: Er will trotz allem zukünftig Plastik sammeln. «Auch wenn es der Umwelt nur wenig hilft und sich wirtschaftlich im Moment nicht lohnt, irgendwo muss man ja anfangen.»