Kühe leiden an Viehschauen für «Schönheitsideale»

Prallvolle Euter sind ein wichtiges Kriterium bei Milchkuhschauen. Recherchen der Sendung «Kassensturz» zeigen: Um gute Wettbewerbsnoten zu erzielen lässt manch ein Viehzüchter Tiere leiden und verklebt sogar die Zitzen – für die perfekte Symmetrie.

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Quälerei an Viehschauen: Kühe leiden für absurde Schönheitsideale

16 min, aus Kassensturz vom 26.4.2016

Die Viehschau in Bulle FR ist einer der Höhepnkte im Jahr der Kuh-Stylisten. «Kassensturz» hat in Bulle gefilmt und kann den fragwürdigen Umgang der Bauern mit den Tieren dokumentieren. Auch Recherchen des Schweizer Tierschutzes STS belegen, dass bestimmte Züchter mit verbotenen Mitteln nachhelfen, um Preise einzuheimsen. Besonders stossend:

  • Kühe werden bewusst nicht gemolken, um pralle Euter zu erreichen. Das führt zu Schmerzen, Kühe können kaum mehr gehen.
  • Zitzen werden verklebt, damit die Milch nicht ausläuft. Tierspitäler bestätigen sogar den Einsatz von Sekundenkleber
  • Die Viehschauen erhalten Subventionen. Das Bundesamt für Veterinärwesen kündigt im Kassensturz an, Massnahmen zu ergreifen.

Die Bauern putzen die Tiere heraus, damit sie dem Schönheitsideal einer Ausstellungskuh entsprechen:

  1. Am ganzen Körper geschoren, auch in den Ohren und im Gesicht.
  2. Die sogenannte Top Line - die Rückenlinie - soll so gerade wie möglich sein.
  3. Prallvolle Euter, zum Teil mit Crèmes und Sprays zum Glänzen gebraucht.

Das wichtigste Kriterium an einer Milchviehausstellung ist das Euter. Denn spezielle Hochleistungsmilchkühe müssen so viel Milch geben wie möglich. «Ein volles Euter erleichtert Präsentation und Beurteilung», sagt Markus Gerber, Präsident vom Zuchtverband Swissherdbook.

Deshalb werden die Tiere nicht mehr wie normalerweise alle zwölf Stunden gemolken. Sondern die Melkzeiten werden ausgedehnt. Verschiedene Züchter dehnen diese so fest aus, dass es für die Kuh schmerzhaft wird. Bei mehreren Kühen tropft bereits vor dem Wettbewerb Milch aus den Zitzen.

Kühe können kaum mehr gehen

Im Ring präsentieren die Züchter ihre Kühe. Fast 40 Prozent der Wettbewerbsnote beziehen sich auf die Euter, dies ist internationaler Standard. Die Euter müssen breit, hoch am Körper aufgehängt und symmetrisch sein und möglichst voll.

Viele Tiere haben Mühe zu gehen, sie staksen und versuchen, ihre prallvollen Euter zu entlasten. Auch hier tropft es immer wieder es aus Zitzen.

Pralle Euter machen krank

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Bildlegende: Die prallen Euter beginnen zu tropfen, wenn die Kuh nicht gemolken wird. SRF

Kaspar Jörger vom Bundesamt für Veterinärwesen liess wissenschaftlich untersuchen, welche Qual übervolle Euter für Kühe sind: «Eine Studie, die wir veranlasst haben, zeigt, dass übervolle Euter einen Einfluss auf das Verhalten der Tiere hat: sie können nicht mehr richtig laufen, sie tippeln und sie fühlen sich offensichtlich nicht wohl. Dies ist gegen das Tierschutzgesetz.»

Dort sei festgelegt, dass solche überlange Melkzeiten und übervolle Euter nicht erlaubt sind und nicht akzeptiert werden sollten.

Diese Studie zeigt auch: Viele Tiere entwickeln schmerzhafte Wasseransammlungen im Euter – sogenannte Ödeme - und sie zeigen Anzeichen einer Entzündung. Sie seien krank.

Zitzen werden verklebt

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Bildlegende: Mit Klebemasse verschlossene Zitzen. sts

Tierärztin Julika Fitzi fotografiert den Wettbewerb in Bulle für ein Tierausstellungsrating des Schweizer Tierschutz STS. Auch sie kritisiert die übervollen Euter - das schmerzhafteste Schönheitsideal an Milchviehausstellungen mit Prämierungen: Dadurch, dass die Euter so gefüllt sind, dass die Melkintervalle nicht eingehalten werden, entstehe ein enormer Druck im Euter: «Das ist sehr schmerzhaft für die Tiere und nicht ungefährlich. Es könnte auch eine Brustentzündung entstehen.»

Ihre Beobachtungen zeigen: Damit die Milch nicht aus den übervollen Eutern ausläuft, werden die Zitzenkanäle verklebt oder Zitzenstifte eingeführt. «Wenn die Milch ausläuft ist das Euter schon wahnsinnig voll und die Kühe müssten ausgemolken werden.»

Kaum zu glauben, dass Zitzen verklebt werden und dies sogar erlaubt ist. Doch ein Viehmäster zeigt der «Kassensturz»-Journalistin den erlaubten Klebstoff: Kollodium. In der Tiermedizin wird es auch als Pflaster verwendet. «An den grösseren Ausstellungen wird das regelmässig gemacht, damit die Kühe die Milch nicht laufen lassen wenn man an den Eutern putzt. »

Das Verkleben der Zitzen nennen die Züchter «versiegeln». Es ist aus optischen Gründen nötig: damit keine Milch ausläuft und die Euter symmetrisch aussehen.

«Verkleben ist kein Problem»

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Bildlegende: Markus Gerber sagt, richtig gemacht, sei das Zukleben von Zitzen unproblematisch. SRF

Verbandspräsident Markus Gerber sieht kein Problem darin, die Zitzen der vollen Euter zuzukleben. Es müsse nur richtig gemacht werden. «Die korrekte Art ist, dass man ganz wenig Kollodium unten beim Schliessmuskel drauf tut. Es darf nichts im Zitzenkanal landen.» Wenn die Ausstellung vorbei sei, müsse der Leim sofort sorgfältig entfernt werden. So sei es unproblematisch.

Er betont: «Wir gehen mit unseren besten Kühen an die Ausstellung und tragen ihnen sicher Sorge. Wir wollen nicht Wochen nach der Ausstellung Probleme im Stall haben.»

Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz STS hat an verschiedenen Schweizer Milchviehausstellungen solche mit Kollodium «versiegelten» Euter beobachtet, aber auch den Gebrauch von verbotenen Klebstoffen dokumentiert. Beides quäle die Tiere: «Wir haben schon gesehen, dass Sekundenkleber verwendet wurde. Das ist dramatisch.»

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Bildlegende: Teilweise werden die Zitzen mit Sekundenleim verschlossen. STS

Sekundenkleber kann ohne Gewebeverlust, ohne Schaden am Gewebe nicht entfernt werden, da seien die Zitzen nachher kaputt.

Der Verband und das Tierspital Bern bestätigen Fälle von mit Sekundenleim verklebten Zitzen. Es handle sich jedoch um Einzelfälle.

170'000 Franken Subventionen

Solche Milchvieh-Ausstellungen wie die Expo in Bulle werden mit Steuergeldern subventioniert: 170'000 Franken waren es im letzten Jahr.

Wie bis anhin könne es nicht weitergehen. Das Wohl der Ausstellungskühe müsse verbessert werden, fordert die Behörde: «Wir müssen Kriterien festhalten, wann ein Euter übervoll ist», fordert Kaspar Jörger vom Bundesamt für Veterinärwesen.

Auch die Richter müssen einheitlich geschult werden, damit Tiere mit übervollen Eutern gar nicht mehr zur Prämierung kommen. Dann werde automatisch nicht mehr so stark auf den Füllzustand geschaut, sondern auf andere Qualitäten dieser Tiere.

Die Organisatoren der Expo Bulle schreiben als Stellungnahme der Sendung «Kassensturz»:

  • Es gibt noch keine definierten Kriterien um zu volle Euter zu erkennen. Die müssen noch erarbeitet werden.
  • Es wurden Kühe an der Ausstellung per Ultraschall untersucht, keine von ihnen hatte ein Ödem.
  • Experten vor Ort würden erkennen, wenn Euter zu voll seien, dies sei während der Expo nicht der Fall gewesen.
  • Tropfende Euter können überall vorkommen, auch im Stall. Es gibt verschiedene Ursachen, die ein Euter zum Tropfen bringen können.
  • Die Expo hat sich überlegt, Melkintervalle vorzugeben, dies würde aber keinen Sinn machen, weil Euter unterschiedlich voll seien. Es gibt aber ein Schema von Strafen, die gegebenenfalls verteilt werden.
  • Kollodium: Es geht darum, durch den Milchfluss Infektionen zu verhindern. Kollodium ist nicht aggressiv für die Haut und einfach zu entfernen. Eine Entzündung wäre viel schmerzhafter.
  • Generell: Es gibt eine grosse Liste von Kontrollen, welche die Viehzüchter durchlaufen müssen.
  • Und: Die Viehzüchter kommen mit ihren besten Tieren, tragen ihnen grosse Sorge. Sie haben immer genug Einstreu, genug zu Fressen und zu Trinken zur Verfügung.
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Studiogespräch mit Markus Gerber von Swissherdbooks

6:26 min, aus Kassensturz vom 26.4.2016

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