Der Kanonier und die Krawattenträger

Bevor Kanoniere ihre Waffe abfeuern durften, so habe ich jüngst vernommen, musste ein Kamerad vorauseilen und ein Zeichen geben.

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Bildlegende: Wolfgang Wettstein SRF

So war es schon immer, so stand es im Reglement. Eines Tages überprüfte das Militärdepartement die Arbeitsabläufe. Da stiess es auch auf den einen Kanonier und fragte sich, wozu es ihn wohl brauche. Warum musste ein Soldat zuerst weit entfernt ein Zeichen geben, bevor geschossen werden konnte?
 
 Die Militärs gingen der Sache nach und wurden fündig. Die Vorschrift stammte aus einer Zeit, als Pferde die Kanonen gezogen hatten. Ein Soldat musste damals die Pferde fortführen, damit die Tiere wegen des Kanonenlärms nicht in Panik gerieten. Die Kanoniere befolgten die Vorschrift eisern, auch wenn schon längst keine Pferde mehr eingespannt wurden. Erst nach Jahren wurde dieser Unsinn abgeschafft.
 
 Ein weiteres Relikt aus dem Militär hat sich jedoch bis heute gehalten. Bei einer Truppenparade 1663 vor Versailles entdeckte König Ludwig XIV. bei kroatischen Reitern ein Halstuch, das über der Brust hing. Fortan wurde dieses Tuch Krawatte genannt, abgeleitet von Kroate. Damals machte diese Binde vielleicht noch Sinn. Heute keineswegs. Denn eine Krawatte steigert die Effizienz bei der Arbeit nicht. Im Gegenteil. Trotzdem zwingen tausende Firmen ihre Mitarbeiter dazu, eine Krawatte zu tragen. Selbst im Hochsommer.
 
 Schweizer kaufen jährlich 3 Millionen Krawatten und verschwenden dafür über 100 Millionen Franken. Tag für Tag schnüren sich die Männer eine Stoffbinde um den Hals, ohne Nutzen. Wer pro Tag nur zwei Minuten dafür braucht, vergeudet jedes Jahr einen ganzen Tag. Nur fürs Krawattenbinden.
 
 Die Kanoniere haben die unsinnige Vorschrift abgeschafft. Die Krawattenträger in den Chefetagen sind noch nicht so weit.