Ein Communiqué ist gut fürs Image – so oder so

Zeitung lesen ist aufschlussreich. Vor allem, wenn man mehr weiss als der Schreiber, der aus einem Firmen-Communiqué husch, husch einen Artikel bastelt.

Ueli Schmezer Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ueli Schmezer SRF

Freitag, 14.11., «Blick online», Titel: «Migros macht Druck auf Häsli-Quäler». Inhalt: Die Migros stoppt den Import von Kaninchenfleisch aus Ungarn wegen unhaltbarer Zustände in der Tierhaltung. Tönt richtig sympathisch: Die Migros als Tierfreundin.
 

Wie es wirklich war: «Kassensturz» wurden Aufnahmen aus der ungarischen Kaninchenmast zugespielt. Sie zeigen leidende, halb tote Tiere mit zerbissenen Ohren und abgefressenen Hinterläufen. Brisant: Sie stammen aus dem Mastbetrieb, mit dem die Migros sehr eng zusammenarbeitet und den sie als fortschrittlich bezeichnet. Mit andern Worten: Die Migros hat den angeblichen Vorzeigemastbetrieb nicht im Griff und verkauft ihren Kunden Fleisch eines Lieferanten, der Tiere leiden lässt.
 
 Eine Woche vor der Ausstrahlung legen wir der Migros die Bilder vor. So haben die Verantwortlichen Zeit, sich zu überlegen, was sie als Hauptabnehmer des Mästers im «Kassensturz»-Studio zuhanden ihrer Kunden sagen wollen.
 
 Die Migros lehnt ein «Kassensturz»-Studiogespräch ab. Sie wählt die Flucht nach vorn und veröffentlicht am Freitag besagtes Communiqué, das zu besagtem Online-Artikel führt. Die Rechnung geht auf: Statt als enge Partnerin des «Häsli-Quälers» kritisiert zu werden, steht die Migros vier Tage vor dem «Kassensturz»-Beitrag als Beschützerin der leidenden Kreatur da.
 
 Der Leser freut sich über den tierfreundlichen Grossverteiler, und ich komme in den Genuss einer aufschlussreichen Lektüre.