Armselige Ikea

Was ist Anstand? Beim Essen nicht schmatzen, einer Dame in den Mantel helfen oder höflich Danke sagen? Nein. Anstand ist wesentlich mehr.

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Bildlegende: Wolfgang Wettstein SRF

Adolph Freiherr Knigge (1752-1796) schreibt in seinem bekannten Werk «Über den Umgang mit Menschen»: «Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloss Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind.» – Die Grundpfeiler dafür seien Moral und Weltklugheit.
Knigge ging es nicht um Etikette oder um Benimmregeln, etwa um die Frage, welches Messer für den Fisch verwendet werden sollte. Ihm ging es um die «guten Umgangsformen» unter den Menschen. Denn nur mit Anstand ist ein friedliches Zusammenleben möglich. Knigge orientierte sich dabei an den Idealen der Aufklärung.

Leider schwindet dieser Anstand heutzutage. Das zeigt sich besonders augenfällig daran, wie Firmen mit ihren Mitarbeitern umgehen. Für viele Betriebe war es lange Zeit Ehrensache, dass sie ältere Angestellte nicht einfach auf die Strasse stellten. Selbst wenn ein Arbeiter, der jahrelang geschuftet hatte, im Alter nicht mehr die volle Leistung brachte, setzte ihn der Betrieb nicht einfach vor die Tür. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, die Schwächeren mitzutragen. An das halten sich auch heute noch viele Arbeitgeber. Wegen dieser Anstandsregeln brauchte es bislang kaum Gesetze zum Kündigungsschutz. Sie waren unnötig.

Doch der Anstand in den Betrieben schwindet. Besonders schäbig verhält sich Ikea. Der Möbelriese hat zahlreiche Lagerarbeiter und Gabelstaplerfahrer entlassen. Wegen Restrukturierungen, sagt Ikea. Einige Arbeiter hatten zehn oder zwanzig Jahre lang für die Firma gearbeitet und standen kurz vor der Pensionierung. In diesem Alter finden sie kaum mehr eine Stelle. Ikea ist das anscheinend egal. Das ist armselig. Denn Ikea geht es gut.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Gewinn von 3,5 Milliarden Franken. Der Konzern, der sich gerne ein soziales Mäntelchen umhängt, hätte die Möglichkeit, seinen Arbeitern eine andere Stelle anzubieten. Das verlangt der Anstand, doch daran mangelt es Ikea offensichtlich. Wenn gute Umgangsformen unter den Menschen schwinden, müssen Gesetze regeln, was erlaubt ist und was nicht. Es braucht einen griffigen Kündigungsschutz, der unanständige Firmen wie Ikea in die Schranken weist. Schade eigentlich.