Lieber Bundespräsident Merz

Letzte Woche habe ich nun endlich, nach Monaten der Verdrängung, an meiner Steuererklärung gearbeitet.

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Das gefällt mir noch weniger als Schuhe putzen, Zeitungen bündeln oder Backofen reinigen. Aber als ehrlicher Staatsbürger sehe ich das als meine Pflicht an und fülle jede Zeile korrekt aus. Eine mühsame Arbeit, aber das kennen Sie ja.
 
 Während ich vor den Formularen sass, fragte ich mich plötzlich, wie ich wohl vom Bankgeheimnis profitieren könnte, das sich zwar mittlerweile ins Reduit zurückgezogen hat, aber in der Schweiz noch immer gilt, wie Sie kürzlich versichert haben. Ich zermarterte mir das Hirn, doch mir fiel nichts ein. Die Steuerbehörden wissen ja bereits alles über mich. Schon seit Jahren kennen sie mein Einkommen auf den Rappen genau. Im Wertschriftenverzeichnis habe ich meine Konten sauber aufgelistet. Dazu bin ich doch verpflichtet, oder etwa nicht?
 
 Leider bin ich nur ein einfaches Gemüt, und so habe ich bis heute nicht verstanden, warum Sie das Bankgeheimnis verteidigen. Mir nützt es jedenfalls nichts. Ist es vielleicht gar nicht für ehrliche Steuerzahler gemacht? Aber für wen dann? Für Steuerhinterzieher? Als Finanzminister wollen Sie doch hoffentlich nicht jemanden in Schutz nehmen, die sich weigert, seine Steuern korrekt zu entrichten und damit alle ehrlichen Menschen hintergeht. Oder doch?
 
 Ich werde den Verdacht nicht los, dass Sie insgeheim das Glaubensbekenntnis von Privatbankier Konrad Hummler nachbeten, der in der NZZ gesagt hat, «dass jeder Franken, der am Staat vorbeigeht, ein gut eingesetzter Franken ist, weil er weniger Schaden anrichtet.» Ihr Ziel ist es, zu sparen. Sie wollen den Staat schlank machen, weil Sie ihm zutiefst misstrauen, stimmt's? Auch Steuerhinterzieher machen den Staat schlank. Doch dabei helfe ich Ihnen nicht.