Lieber Christoph Mörgeli

Der Chefideologe der SVP hat Lust am Morbiden und ergötzt sich an totem Gebein. Das gab mir zu denken. Welche Abgründe tun sich in Ihnen auf?

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Bildlegende: Wolfgang Wettstein SRF

Kürzlich stiess ich im Internet auf die europäische Totentanzvereinigung. Dahinter verbirgt sich, wie Sie wissen, eine verschworene Gemeinschaft, die sich der Sammlung von Kunstwerken mit Totentanzmotiven verschrieben hat. Bilder zum Gruseln: Ein Skelett greift einer alten Frau hinterrücks an die Gurgel. Ein Sensemann reitet auf einem Gaul durch die Gassen. Ausgemergelte Gestalten wiegen sich im Reigen und verführen schöne Frauen.

Herr Mörgeli, Sie sind der Vizepräsident dieser Totentanzvereinigung. Hoppla, dachte ich, als ich das las.

Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke. Ich begriff allmählich, warum Sie einen schlanken Staat wollen. Und was Sie darunter verstehen. Sie mögen es dürr. Mehr noch: klapperdürr. Jedes Gramm Fett am Wohlfahrtsstaat ist Ihnen zuwider. Die Sozialwerke müssen abspecken, fordern Sie. Schlank genügt Ihnen nicht. Sie wollen den Leistungskatalog im Gesundheitswesen ausdünnen, bis nur noch Haut und Knochen übrig sind. Rentner, IV-Bezüger und Arbeitslose sollen ihre Gürtel ebenfalls enger schnallen. Menschen, die ohnehin schon unten durch müssen, wollen Sie zur Ader lassen.

Sie frönen Ihrer Leidenschaft auch im Beruf, als Direktor des medizinhistorischen Museums in Zürich. Totenschädel auch hier, Wachsfiguren entstellter Menschen mit Pestbeulen, Glasaugen, Prothesen. Nichts Lebendiges. Der Todestrieb Thanatos regt sich offenbar mächtig in Ihnen. Was hat die SVP vor? frage ich mit Schaudern. Der Staat soll abspecken bis aufs Gerippe, verlangt Ihre Partei. Doch ein Gerippe ist tot.

 Naja, vielleicht übertreibe ich. Es war nur so ein Gedanke, der mir durchs Hirn blitzte. Ihre Neigungen gehen mich ja nichts an. Aber wenn Sie mich fragen: Ich mag’s lieber prall und lebendig.