Wir dummen Frösche

In Managementseminaren wird gerne die Geschichte vom gekochten Frosch erzählt: Wirft man einen Frosch ins siedend heisse Wasser, hüpft er sofort heraus, weil er erkennt, in welcher Todesgefahr er sich befindet.

Ganz anders verhält sich der Frosch, wenn man das Wasser langsam erhitzt. Er verharrt im Kochtopf bis er elendiglich stirbt. Diese Parabel des Wirtschaftswissenschaftlers Charles Handy zeigt, wie schwer wir uns tun, auf gefährliche Entwicklungen klug zu reagieren, selbst wenn sie ohne Gegenmassnahmen tödlich enden.
Wir Menschen verhalten uns wie der Frosch. Wir sitzen im Kochtopf, das Wasser wird immer heisser. Doch wir tun nichts gegen die Klimaerwärmung. Im Gegenteil. Wir sind es selbst, die das Feuer schüren, wir heizen uns so richtig ein. Die Bedrohung wollen wir nicht wahrnehmen.
Seit Jahrzehnten leben wir über unsere Verhältnisse. Wir verschwenden bedenkenlos Energie, schmeissen Waren weg, die noch lange funktionieren würden, kaufen immer mehr Produkte, die wir nicht brauchen, verreisen jedes Jahr mit dem Flugzeug, legen mit dem Auto unnötige Kilometer zurück und schaufeln uns täglich Fleisch auf den Teller. Unsere CO2-Bilanz ist verheerend. Jetzt kommen noch die Schwellenländer China, Indien und Brasilien hinzu. Ihr Wohlstand steigt. Die Menschen können sich immer mehr Konsumgüter leisten. Wer will es ihnen verdenken? Der Energie- und Ressourcenverbrauch explodiert. Der Klimawandel ist kaum noch zu stoppen.
Trotzdem machen wir unbekümmert weiter, wie wenn nichts wäre. So schlimm ist es ja gar nicht, denken wir, wir leben ja noch. Genauso dachte wohl auch der Frosch aus der Parabel, bis es zu spät war. An den Klimagipfeln müssten die Staaten beherzt eingreifen. Doch Wirtschaftsinteressen hindern die Politiker daran. Es ist schon verblüffend, mit welcher Inbrunst die neoliberalen Marktschreier immer noch predigen, dass sich der Staat nicht einmischen soll, obschon die Klimaerwärmung das totale Marktversagen offenbart.
Ob es tatsächlich stimmt, dass ein Frosch so lange im Kochtopf bleibt, bis er bei lebendigem Leibe kocht, wollte der Zoologe Victor Hutchinson von der amerikanischen Universität Oklahoma wissen. Er setzte einen Frosch in einen Topf und erwärmte das Wasser pro Minute um ein Grad. Je heisser das Wasser wurde, umso panischer reagierte der Frosch. Er versuchte alles, um der Todesgefahr zu entkommen. Er erkannte die Bedrohung.
Wir Menschen dagegen bleiben untätig – trotz der bedrohlichen Klimaerwärmung. Wir sind dümmer als Frösche.