Bündner Nusstorte: Wer hätt's erfunda?

Während dem Dreh zum Nusstorten-Test stellte «Kassensturz» fest: Rund um das Ur-Rezept dieser Torte ist im Steinbock-Kanton ein veritabler Streit zwischen drei Familien entbrannt. Hier erfahren Sie, wer die berühmte Bündner Spezialität erfunden haben soll – oder eben nicht.

Backzutaten wie Mehl, Butter, Eier etc. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die typischen Zutaten für eine Nusstorte. Doch wer hat sie zusammengebracht? SRF

Was sich derzeit im Kanton Graubünden abspielt, ist ein veritabler Tortenkrimi um historische Wahrheit und Ehre: Als Haupttäter konnte «Kassensturz» Fadri Pult ausmachen. Sein Grossvater, Fausto Pult, gilt im Kanton seit Jahren als der Erfinder der legendären Bündner- und Engadiner Nusstorte.

Portrait von Fadri Pult Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fadri Pult produziert die Bündner Spezialität in Genf und in Samedan. SRF

«Mein Grossvater gründete 1926 in Samedan eine Konditorei, und vermarktete dort als erster die Bündner Nusstorte in grösserem Stil», erzählt Fadri Pult, der das Geschäft inzwischen von seinem Vater übernommen hat. Dieser hatte in den 50er-Jahren eine Genferin geheiratet, weshalb die Firma Pultorte heute die Bündner Spezialität in Genf und in Samedan produziert, natürlich mit Verweis auf die Mutter aller Nusstorten!

Historiker im Streit

Dolf Kaiser sitzt am Laptop in einem historischen Raum Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Historiker Dolf Kaiser ist überzeugt, dass die Torte eigentlich aus Toulouse stammt. SRF

Mit dieser Geschichtsauslegung überhaupt nicht einverstanden ist Dolf Kaiser: Der 84-jährige Bündner Historiker hat über die kantonale Zuckerbäckertradition geforscht, und darüber auch ein Buch geschrieben. Er ist überzeugt: Fadri Pult lügt: «Die Geschichte der Bündner Zuckerbäcker ist eine Geschichte der Migration. Auch meine Urgrosseltern hatten im vorletzten Jahrhundert das Bündnerland verlassen und in Toulouse eine Konditorei geführt», erklärt der Historiker. Fausto Pult sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Grosseltern von Dolf Kaiser in die Lehre gegangen und habe dort die Rezeptur für die Bündner Nusstorte kennengelernt.

«Es stimmt, mein Grossvater Fausto war ein paar Monate in der Bäckerei in Toulouse angestellt», bestätigt Fadri Pult, betont aber im gleichen Atemzug: «Von Rezepteklau kann nicht die Rede sein. Fausto hatte das Rezept von seiner Mutter erhalten. Das ist in der Familienchronik so bestätigt.» Der Streit um das Ur-Rezept hat im Kanton Graubünden in den letzten Monaten für einigen Pressewirbel gesorgt. Die «Südostschweiz» publizierte mehrere Artikel zum Thema.

Der Dritte im Bunde

Emil Ribi sitzt an einem Tisch in einem historischen Raum Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Emil Ribi sagt: «Meine Grosseltern waren die ersten.» SRF

Doch nicht nur die Familien Pult und Kaiser streiten sich über das Ur-Rezept der Bündner Nusstorte. In den Tortenkrimi mischt sich jetzt auch Emil Ribi aus Chur: «Meine Grosseltern hatten zu Beginn des letzten Jahrhunderts an der Reichsgasse 21 in Chur eine Bäckerei/Konditorei eröffnet und schon damals Bündner Nusstorten als Spezialität des Hauses in die ganze Schweiz verkauft», erklärt Emil Ribi gegenüber «Kassensturz». «Das war also schon ein Vierteljahrhundert vor der Eröffnung der Konditorei von Fausto Pult in Samedan», unterstreicht Ribi. Fadri Pult gibt sich gelassen: «Ich sage ja nicht, dass mein Grossvater die Bündner Nusstorte erfunden hat. Was aber sicher stimmt: Er hat sie als Erster im Engadin in grösserem Stil vermarktet». Es wolle nicht ausschliessen, dass andere Familien an anderen Orten dieser Welt schon zuvor die Torte verkauft hätten.

Spezialist soll Licht ins Dunkel bringen

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Aufklärung im Tortenkrimi verspricht jetzt der Verein Kulinarisches Erbe Schweiz: Der Verein engagiert einen unabhängigen Spezialisten, der den wahren Ursprung der Bündner Nusstorte völkerkundlich aufarbeiten soll.

Bereits historisch belegt scheint aber folgende Tatsache: Die Bündner Nusstorte ist kein ursprünglich bündnerisches Rezept: «Aus dem einfachen Grund, dass es im Kanton Graubünden einfach zu wenig Nussbäume gibt», erklärt Historiker Dolf Kaiser und legt die Vermutung nahe, das Rezept stamme entweder aus Italien oder aus Frankreich.