Jeder 4. Kaschmir-Pulli ist ein Schwindel

100 Prozent Kaschmir: Tatsächlich? «Kassensturz» testet Kaschmir-Pullover zwischen 79 und 398 Franken. Jeder vierte hält nicht, was auf der Etikette steht. Die Qualitäts-Unterschiede sind deutlich, teuer heisst nicht besser.

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Bildlegende: Ein Kaschmir-Pullover. SRF

Kaschmirwolle ist einzigartig weich, seidig und zugleich wärmend. Pullover und Kleidungsstücke aus Kaschmir sind Luxusprodukte und waren in der Vergangenheit auch entsprechend teuer.

Heute wollen sich immer mehr Leute diesen Luxus leisten, nur – möglichst billig soll der Kaschmirpullover sein. In der Schweiz werden immer mehr Pullover verkauft. Die meisten kommen aus China. Wie stark die Zunahme ist, zeigen die Importzahlen: Im Jahr 2002 wurden Pullover und Jacken für 54 Tonnen eingeführt, 2011 waren es mehr als 88 Tonnen, das entspricht mehr als 340'000 Kleidungsstücken.

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Was ist Kaschmir?

Kaschmir wird aus den Haaren der Kaschmirziegen gewonnen. Die Haare sind weich und fein und haben einen Durchmesser von lediglich 12 bis 19 Mikrometer. Sie sind das Winterfell der Ziegen. Im Frühling mit dem Fellwechsel können die Haare herausgekämmt werden. Pro Tier fallen zwischen 300 und 500 Gramm Rohkaschmir an.

Wie geht das zusammen? Der Rohstoff Kaschmir ist nicht unbegrenzt verfügbar, denn die Kaschmirproduktion kann nicht einfach je nach Nachfrage verdoppelt oder verdreifacht werden. Weil Kaschmirziegen wenig Wolle geben, pro Jahr zwischen 200 und 300 Gramm. Das ist viel weniger als beispielsweise ein Schaf. Und auf der andern Seite gibt es immer mehr sehr preisgünstige Kaschmirpullover.

Nicht überall ist nur Kaschmir drin

Deshalb wollte «Kassensturz» wissen: Ist überall wo «100 Prozent Kaschmir» steht auch 100 Prozent Kaschmir drin?

«Kassensturz» hat 12 Pullover testen lassen, Damen- und Herrenmodelle. Sie kosten zwischen 79 und 398 Franken, alle gekennzeichnet mit «100 Prozent Kaschmir». Den Test durchgeführt hat das Schweizer Textilprüfinstitut, Testex in Zürich.

Wichtigstes Test-Kriterium war die Faseranalyse. Ob ein Pullover aus 100 Prozent Kaschmir besteht, lässt sich nur mit dem Rasterelektronenmikroskop feststellen.

Die Analyse kann nur im Labor gemacht werden. Konsumenten haben keine Chance herauszufinden, ob ein Kleidungsstück wirklich aus 100 Prozent Kaschmir besteht. Testleiter Ralph Sontheim weiss, dass die Produzenten immer wieder Fremdfasern beimischen. Die Ergebnisse haben den Testleiter auch nicht erstaunt:

«Bei drei Pullover waren andere tierische Fasern vorhanden, wobei bei einem Pullover der Anteil an Nicht-Kaschmirfasern relativ hoch war. Er lag bei über 10 Prozent.»

Das hätte anders deklariert werden sollen, so entspricht jeder vierte Pullover nicht den Angaben auf der Etikette. Das Urteil ungenügend, wegen dem hohen Anteil an Fremdfasern, bekam der Pullover von C&A. Das Labor hat 11 Prozent Yakfasern festgestellt. Zudem gab es eine schlechte Note im Scheuertest. Mit einem Preis von 79 Franken, der billigste Pullover im Test.

Ebenfalls Fremdfasern hatte es im Pullover Sevensigns von Schild. Hier hat das Labor 4,3 Prozent Schaf-Wolle ermittelt. Auch eine schlechte Note gab es im Scheuertest.

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Pflege-Tipp für Kaschmir-Pullis

0:44 min, vom 27.11.2012

Beim Kaschmirpullover von Benetton fand das Labor ebenfalls Fremdfasern, 2,8 Prozent Schaf-Wolle. Das ist über dem Toleranzwert von 2,3 Prozent. Alles was darüber liegt müsste deklariert werden.

Knötchenbildung bei allen Pullis

Alle Pullover im Test neigen dazu, viele Knötchen zu bilden. Das sieht ungepflegt aus. Deshalb gab es ungenügende Noten bei diesem Test-Kriterium. Testleiter Ralph Sontheim führt die Fusselbildung auf einen hohen Anteil kurzer, günstiger Fasern im Garn zurück. Bei entsprechender Reibung arbeiten die sich aus dem Garn heraus und bilden Knötchen.

Genügende Noten gab es für den Damenpullover von Grieder, für das Herrenmodell von Globus, für den Damenpullover von Feldpausch und das Damenmodell von H&M. Mit einem Preis von 99 Franken ist das der zweitgünstigste Pullover im Test.

Ein Gut gab es für den Herrenpullover Paul Kehl, den Damenpullover von Globus und für das Damenmodell Cashmere von Coop. Ein weiteres Kriterium zur Feststellung von Qualität ist der Scheuertest: Das Kaschmirgewebe wird auf einem normierten Stoff gerieben bis ein Loch entsteht.

Gute Note gab es für das Herrenmodell Kangra, wegen sehr guten Werten im Scheuertest. Mit einem Preis von 398 Franken ist das der teuerste Pullover im Test. Die gleiche Note erhielt der Herrenpullover von Manor für 149 Franken.

So wurde getestet

Faseranalyse:
Ob Textilien oder Pullover aus 100 Prozent Kaschmir bestehen oder nicht, das lässt sich mit einem Rasterelektronenmikroskop überprüfen. Dazu müssen die Fasern der Pullover strak zerkleinert und auf einem Objektträger fixiert werden. Bei 750-facher Vergrösserung lassen sich die einzelnen Fasern bestimmen. Fasern von Kaschmir-, Yak- und Schafwolle haben unterschiedliche Durchmesser und andere Oberflächenstrukturen.

Scheuer-Test:
Mit dem Martindale-Scheuertest wird die Scheuerfestigkeit ermittelt. Das Kaschmirgewebe wird an einem normierten Gewebe gerieben gescheuert, bis die einzelnen Fäden brechen und sich ein Loch bildet.

Pilling-Test:
Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist das Pilling. Getestet wurde die Fussel- oder Knötchenbildung mittels Abrieb. Von jedem Pullover wurden vier Proben (je zwei quergestrickt und zwei längsgestrickt) in eine mit Kork ausgekleidete Box gegeben und dann mehr als 14 400 drehen lassen. Dadurch entsteht Reibung. Der Grad der Fusselbildung wird dann visuell von fünf verschiedenen Fachleuten beurteilt.

Stellungnahmen der Lieferanten

Stellungnahme C&A:
C&A schreibt, dass sie sofort Tests «einem unabhängigen Labor in Auftrag gegeben haben. Dies hätte einen Vergleich und die Überprüfung mit Ihren Laborergebnissen ermöglicht.» Leider hat die Zeit bis Dienstagabend nicht gereicht. Wenn sich die neuen Ergebnisse aber mit dem Resultat von «Kassensturz» decken, dann behält sich C&A weitere Schritte gegen den Lieferanten vor.

Stellungnahme Schild:
Schild schreibt, dass «auf Grund der nicht zufriedenstellenden Testresultate – vor allem im Bereich Faseranalyse – für die künftigen Cashmereproduktionen die Tests ausgebaut und die Kontrollen verbessert werden.»

Schild schreibt weiter, dass der Lieferant des Cashmere Pullovers Sevensigns ihnen als Rohmaterial 100 Prozent Kaschmir bestätigt habe. Und, dass das Endprodukt in der Farbe grau/braun ebenfalls getestet wurde und das Resultat von 96,4 Prozent Cashmere, 3,6 Prozent Wolle erzielte. Gemäss ihrem Strickproduzenten seien solche Veränderungen durch den Produktionsprozess möglich.

Stellungnahme Benetton:
Benetton will das Resultat nicht kommentieren. Sie betonen, dass Benetton für die der Qualität seines Produktes einsteht.