Lektoren: Das fiese Geschäft mit Jung-Autoren

Ein Jungautor will ein Fachbuch zum Thema Partnerschaft und Sexualität veröffentlichen. Übers Internet stösst er auf einen interessierten Verlag samt Lektoren-Firma. Der Autor zahlt viel Geld für das Lektorat und wird schwer enttäuscht. «Kassensturz» deckt auf: Der Betroffene ist kein Einzelfall.

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Lektoren: Das fiese Geschäft mit Jung-Autoren

7:36 min, aus Kassensturz vom 30.3.2010

Mitten in der Altstadt von Aarau liegt Milena Mosers Schreibatelier. Die Schweizer Erfolgsautorin schreibt an eigenen Büchern und leitet zusammen mit ihrer Agentin und einer Autorenkollegin Schreibkurse für Jungautoren. Eben hat Milena Moser ihren neunten Roman veröffentlicht; über eine gestandene Schriftstellerin, über Möchtegern-Autoren und deren Krämpfe mit dem Schreiben. Doch am Anfang verlief Milena Mosers eigene Schreibkarriere harzig. Jahrelang wurde sie von Verlegern als untalentiert abgewiesen. Sie weiss, wie hart die Suche nach einem Verlag sein kann: «Ich hab verzweifelt immer wieder die gleichen Sachen an die gleichen Adressen geschickt.» Sie habe wirklich alle Register ziehen müssen.

Arbeit im Voraus bezahlt

Auch Gelegenheitsautor Roland Cecchetto suchte einen Verlag. Der Kommunikationsexperte aus Birmensdorf (ZH) hatte das Manuskript verfasst für ein Sachbuch über Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Roland Cecchetto war selber erstaunt: Schon der erste Kontakt zu einem Literaturagenten in Berlin ist ein Erfolg: Der Agent schreibt Roland Cecchetto, er sehe Potential im Manuskript, nur: Bevor er auf die Verlage zugehen könne, müsse es professionell lektoriert werden, sonst sei die Bereitschaft bei den Verlagen nicht sehr gross, das überhaupt anzuschauen. «Das erschien mir als vernünftiger Schritt», sagt Roland Cecchetto.

Der Agent verweist ihn an lektoren.ch. Die Firma tritt selbstbewusst auf: «Wir wissen es besser». Die Lektoren versprechen, das 150-seitige Manuskript anhand einer ganzen Liste von Checkpunkten zu bearbeiten. Die Rechnung über 2278.40 Franken liegt gleich bei. Roland Cecchetto muss im Voraus bezahlen. Vier Wochen später: Das lektorierte Manuskript enthält nur einfache Korrekturen: Klammern sollen vermieden und die Abkürzung für «und so weiter» und «beziehungsweise» ausgeschrieben werden. Der Lektor, zu dem Roland Cecchetto nie persönlich Kontakt hatte, bemängelt nichts, weder die Erzählstruktur noch die Satzlogik.

«Rausgeschmissenes Geld»

Roland Checchetto ist einer von vielen, die bei lektoren.ch einen längeren Text bearbeiten liessen. Immer mit der Aussicht, so ganz einfach einen Verlag zu finden. Ein seriöser Lektor arbeitet intensiv mit dem Text. Neben der Rechtschreibung sind ihm besonders der logische Aufbau und die Gestaltung der Figuren wichtig. Dirk Vaihinger ist Milena Mosers Verleger und Lektor. «Kassensturz» legt ihm das angeblich lektorierte Manuskript von Roland Cecchetto vor. Sein Urteil: lektoren.ch habe die versprochenen Arbeiten nicht gemacht. «Und nach branchenüblicher Usanz ist das absolut überzahlt», fügt Dirk Vaihinger an.

Auch der Behauptung von lektoren.ch, ohne Lektorat sei ein Text chancenlos, widerspricht Vaihinger vehement: So, wie es hier gemacht worden sei, würden die Chancen publiziert zu werden, um keinen Deut erhöht oder verringert. «Das ist einfach rausgeschmissenes Geld.»

Vorwürfe zurückgewiesen

Die Firma lektoren.ch hat ihren Sitz in einem Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse in Zug. «Kassensturz» weiss: Seit Jahren zieht lektoren.ch Jungautoren über den Tisch. Der Firmenname ist nirgends angeschrieben. Doch der «Kassensturz»-Reporter stöbert Geschäftsführer Francesco Conte auf – er arbeitet in einer Treuhandfirma. Vor der Kamera will Conte keine Auskunft geben. Er weist alle Vorwürfe von «Kassensturz» zurück und schreibt: «Selbstverständlich wurden alle Vereinbarungen eingehalten und wir sind stolz auf unsere Arbeit.»