Für jeden Floh zum Tierarzt

Eigentlich dürfen auch Apotheken Tiermedikamente verkaufen. Ein Abgabemonopol zwingt jedoch Schweizer Tierhalter wegen jedem Floh zum Veterinär.

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Für jeden Floh zum Tierarzt

6:11 min, aus Kassensturz vom 2.9.2003

Ob Hund oder Katze, Maus oder Hamster: Braucht ein Schweizer Kleintier Medikamente, bleibt für Herrchen oder Frauchen nur der Gang zum Tierarzt. Hundehalterin Karin Oehrli aus Bern ärgert das: "In den Ferien in Frankreich bekomme ich Mittel gegen Flöhe oder Würmer in der Apotheke. Und hier in der Schweiz muss ich dafür immer zum Tierarzt. Und dann kommt häufig noch eine Konsultation dazu." Grund: In der Schweiz haben Tierärzte auf Tiermedikamente ein Monopol. Das, obwohl laut Heilmittelgesetz auch Apotheken rezeptpflichtige und rezeptfreie Tiermedikamente verkaufen dürfen. Doch die Realität sieht anders aus: "Ich kann den Leuten nicht helfen. Zwar dürfte ich ihnen vom Gesetz her etwas verkaufen, aber die Firmen, die Tierarzneimittel vertreiben, boykottieren meine Apotheke", klagt Apotheker Markus Hellmüller aus Hitzkirch.

Kassensturz liegen Briefe verschiedener Hersteller vor, die den Lieferboykott belegen: Die Firma Virbac zum Beispiel will eine starke grüne Salbe nicht liefern.

« "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unsere Produkte nur an Tierärzte liefern dürfen" . »

Virbac betont, der Lieferboykott sei im Interesse der Arzneimittelsicherheit: Die starke grüne Salbe werde deshalb nicht an Apotheken geliefert, da sie sonst bei Menschen angewendet würde. Auch die Berner Firma Vétoquinel arbeitet nur mit Tierärzten. Ebenso Novartis: Sie beliefert "aus firmenpolitischen Gründen" grundsätzlich keine Apotheken in der Schweiz. Beispielsweise das Flohmittel Program für Katzen, ein Mittel, das sogar in Drogerien freiverkäuflich wäre, liefert Novartis nur an Veterinäre.

« Der Verband der Schweizer Tiermedikamentenhersteller nimmt nur schriftlich Stellung: "Die Mehrzahl der Hersteller (...) ist der Auffassung, dass die Apotheker aufgrund ihrer mangelnden Aus- und Fortbildung nicht geeignet sind, Tierarzneimittel sachgerecht abzugeben." »

Pro Jahr verkaufen Tierärzte für rund 100 Millionen Franken Medikamente. Ein lukratives Geschäft, das sie mit niemandem teilen müssen. Die Veterinäre verteidigen ihr Monopol: "Der Apotheker wird während seiner Ausbildung nie in Tiermedikamenten geschult. Es gibt verschiedene Spezies, und das macht die Sache noch viel komplizierter", sagt der Gümliger Tierarzt Rolf Jordi.

Apotheker Hellmüller findet das absurd: "Ich habe acht Jahre an der Uni Bern studiert, und jetzt soll ich zu dumm sein, ein Flohhalsband zu verkaufen. Das kann jeder Apotheker in jedem anderen Land auch." Tatsächlich: Das Tiersortiment in der Pharmacie du Sundgau im französischen Altkirch ist gross. Neben Vitaminen, Verhütungs- oder Durchfallmitteln führt Apotheker Yves Bidault auch das Flohmittel Program von Novartis. An ausländische Apotheken liefert der Pharmakonzern ohne Zögern.

Bereits seit drei Jahren brütet die Wettbewerbskommission darüber, ob zwischen Herstellern und Tierärzten ein Exklusivvertrieb bestehe. Im Hinblick auf das laufende Verfahren wollen sich die erwähnten Hersteller nicht im Kassensturz äussern. Der Entscheid wird in den nächsten Wochen erwartet.