Zum Inhalt springen

Header

Video
Umstrittene Bettelbriefe: Das Geschäft mit dem Mitleid
Aus Kassensturz vom 08.12.2015.
abspielen
Inhalt

Geld Umstrittene Bettelbriefe: Das Geschäft mit dem Mitleid

Mit handgeschriebenen Briefen wirbt die Stiftung SOS Gerasjuta um Spendengelder und verärgert damit potenzielle Spender. Zudem fliesst ein zu grosser Anteil der Spendengelder in die Administration.

Auf dem Foto ist ein junger Mann in Windeln zu sehen, mit amputierten Beinen und wundem Rücken. Die Worte im Brief sind tragisch: «Ich bin voller Hoffnung, von Ihnen erhört zu werden», schreibt der 23-jährige Jewgenij Iremadse aus der Ukraine.

Empfänger dieses Briefes ist Victor Ofner: «Seine Familiengeschichte besteht aus einer Katastrophe nach der anderen.» Rasch merkt er: Hinter diesem Brief steht nicht ein einzelner Mensch, sondern ein Hilfswerk, die SOS Gerasjuta Stiftung.

Victor Ofner
Legende: Victor Ofner. SRF

Persönlicher Hilferuf ist Werbemasche

Was nach einem persönlichen Hilferuf aussieht, ist in Wahrheit eine Werbemasche. «Kassensturz» liegen hunderte solcher Bettelbriefe vor. Sie weisen alle den gleichen Absender aus: Den schwerkranken Jewgenij Iremadse aus Winogradnoje in der Ukraine. Die Briefe sind aufs Wort identisch und in verschiedensten Handschriften verfasst.

Schon 1997 berichtete die Sendung Quer, wie das Hilfswerk SOS Gerasjuta mit handgeschriebenen Briefen um Spendengelder warb und dabei ungehörig auf die Tränendrüsen drückte.

Darin stand: «Ich bin schwanger und möchte das Kind nicht abtreiben lassen. (…) Ich höre sein klopfendes Herzchen. Wie mein noch nicht geborenes Kind mir sagt: Mama, töte mich nicht.»

Etikettenschwindel mit rotem Kreuz

2002 verschickte das Hilfswerk Briefe von Eltern schwer kranker Kinder aus der Ukraine. Sie warben mit verzweifelten Worten um Spendengelder: «Helfen sie bitte meinem armen Kind welches einen Herzfehler hat und bleiben sie nicht gleichgültig zu meiner Not.» Die Couverts zierte ein rotes Kreuz. Ein Etikettenschwindel. Das Hilfswerk musste es nach der Sendung von den Umschlägen entfernen.

Bei der Zertifizierungsstelle für Wohlfahrtsunternehmen (Zewo) beklagen sich seit Jahren Anrufer über die Werbemasche von SOS Gerasjuta. Ein Gütesiegel trägt die Stiftung nicht: «Wir erwarten von Hilfswerken, dass sie sachlich informieren und die Spender nicht unter emotionalen Druck setzen», sagt Martina Ziegerer von Zewo.

Gründer und Geschäftsleiter der Stiftung SOS Gerasjuta ist Sergej Gerasjuta. Gegenüber «Kassensturz» rechtfertigt er seine Sammelmethode. Sie sei in den Statuten verankert und von der Stiftungsaufsicht des Bundes genehmigt worden. «Der Fall von Jewgenij Iremadse ist sehr tragisch. Wir unterstützen ihn mit Lebensmitteln, Medikamenten und finanzieller Hilfe.» Insgesamt erhalte Iremadse 200 bis 500 Franken pro Monat.

Hunderte schreiben Bettelbriefe ab

Sergej Gerasjuta
Legende: Sergej Gerasjuta. SRF

Die Briefe schrieb Jewgenij Iremadse nicht selbst. Den Text verfassten laut Sergej Gerasjuta Mitarbeiter des Hilfswerkes nach Gesprächen mit ihm. Hunderte Ukrainer schreiben die Briefe von Hand ab. Dafür erhalten sie laut Angaben von Gerasjuta Geld, Medikamente und Bücher.

Im Jahresbericht der Stiftung steht nur teilweise, wer alles vom Spendengeld profitiert. Letztes Jahr spendeten Schweizer über 1 Million Franken. Einen Teil davon hat das Hilfswerk an bedürftige Ukrainer wie Jewgenij Iremadse ausbezahlt. Geld erhielten auch Spitäler und Kinderheime. Die genauen Summen sind im Geschäftsbericht nicht deklariert.

Zu viel Geld für Administration

40 Prozent der investierten Spendengelder verbraucht die Stiftung für Administration und Sammelaufwand. «Das ist zu viel», sagt Martina Ziegerer von der Zewo: «Für Fundraising und Administration sollten nicht mehr als 35 Prozent eingesetzt werden.» Im Durchschnitt betrage der Anteil bei Hilfswerken mit Zewo Gütesiegel rund 20 Prozent.

«Wir haben zu wenig Spenden, dass wir zu den Zahlen kommen, die die Zewo sehen will», rechtfertigt sich Sergej Gerasjuta. «Wir sind eine kleine Stiftung, können nicht mit grossen Hilfswerken konkurrieren.» Sie hätten Fixkosten zu begleichen, der Rest gehe in die Ukraine.

Video
Studiogespräch mit Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin Zewo
Aus Kassensturz vom 08.12.2015.
abspielen

Service

Box aufklappen Box zuklappen

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

42 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Mattias Derungs  (Mattias Cristian Derungs)
    Ich habe gerade einen dubiosen Bettelbrief aus Salzburg erhalten. Angeblich von einer östereichischen Stiftung "Gut Aiderbichl", welche auch schon wegen Veruntreuung und korrupter Geschäftsführung angeklagt wurde! Diese behaupten im Bettelbrief, dass sich die Kosten des Gnadenhofs für die Versorgung ihrer Tiere auf 40'000 SFr. pro Tag belaufen. Als Jobsuchende mit Zwischenverdienst wäre ich froh, gerade mal soviel Geld in einem Jahr zu erzielen, um die Existenz von mir und Partnerin zu sichern!!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von M.H.Knöpfel , 8122 Binz
    Wir sind pensioniert, haben das ganze Leben gearbeitet, habe auch eine schwere Zeit gehabt, wir sind seit 1967 verheiratet,aber niemals hätten wir gebettelt,ich finde es eine Zumutung!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Licht , Ukraine
    Ich komme aus Nikolajew. Hier ist das SOS GERASJUTA Hilfswerk tätig. Ich kenne die Stiefeltern von Jewgenij Iremadse sowie noch einige Personen, die von Gerasjuta unterstützt werden. Sie alle charakterisieren ihn als einen würdigen und pflichtbewussten Mann. Ich weiss nicht, warum der Mann, der mit so viel Engagement für seine kranke arme Staatsbürger sorgt, in den Medien so viele negative Kommentare sammelt...
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Asher Meng  (Ashi)
      Weil 40% in die Taschen des Herrn Gerasjuta fliesst. Das ist 20 % zu viel und bei einer Million einnahmen, können Sie ja rechnen. Die Briefeschreiber sind nicht echt und erzählen irgend eine Tragische Geschichte, die es sicher gibt. Wenn Herrn Gerasjuta das ZEWO Zertifikat anstrebt, sieht das ganz anders aus, Auch muss die Buchhaltung offen gelegt werden. Dann werden die Spenden auch zunehmen. So einfach ist das. Ansonsten wird das Hilfswerk nicht überleben, was auch richtig ist.