Freie Arztwahl ist teuer und ungesund

Eine neue Studie zeigt: Mit Managed Care-Modellen lassen sich die Kosten im Gesundheitswesen massiv dämpfen. Und: Die freie Arztwahl ist nicht gesund. Managed Care-Patienten werden besser versorgt.

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Freie Arztwahl ist ungesund

18 min, aus Kassensturz vom 8.5.2012

Am 17. Juni stimmen die Schweizer Bürger über die sogenannte Managed-Care-Vorlage ab. Damit soll der enorme Anstieg bei den Gesundheitskosten gebremst werden. In Managed Care-Modellen verzichten Versicherte auf die freie Arztwahl. Ein Hausarzt koordiniert die medizinischen Behandlungen. Doch bringt die Einführung dieses Modells die gewünschte Wirkung?

Freie Arztwahl ist teurer

Die Krankenkasse Helsana hat in Zusammenarbeit mit der UMIT Universität in Hall im Tirol die Kosten von 400‘000 Versicherten untersucht. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Ausgaben für Versicherte in Managed Care-Modellen bis zu 21 Prozent tiefer liegen als bei Versicherten im konventionellen Modell mit freier Arztwahl.

Gesundheitsökonom Oliver Reich von der Helsana erklärt gegenüber «Kassensturz», wie es zu den Einsparungen kommt: «Ein möglicher Grund ist, dass in diesen Modellen die medizinischen Behandlungen besser koordiniert werden.»

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Das sollten Sie wissen

Am 17. Juni stimmen die Schweizer Bürger über die Einführung des Managed Care-Modells ab. Befürworter und Gegner überbieten sich mit Argumenten. Da kann der Überblick schnell einmal verloren gehen. «Kassensturz» fasst das Wichtigste zusammen. Weiter

Einsparungen dank Budgetverantwortung

Am grössten sind die Einsparungen in denjenigen Modellen, bei denen Ärzte eine sogenannte Budgetverantwortung haben. Das heisst: Die Ärzte übernehmen ein finanzielles Risiko und sind daran interessiert, dass die Behandlung in ihrem Netzwerk kostengünstig ist. Die in der Studie berechnete Kostenreduktion beträgt bei diesen Modellen 21,2 Prozent. Beim Hausarztmodell sind es 15,5 Prozent und beim Telemedizin-Modell 3,7 Prozent.

Die Managed Care-Vorlage will solche Modelle mit Budgetverantwortung fördern. Wer kein solches Modell wählt und weiterhin die freie Arztwahl will, muss einen höheren Selbstbehalt bezahlen.

«Unnötige Behandlungen sind ein Risiko für Patienten», sagt Erika Ziltener, Präsidentin der Schweizerischen Patientenstellen. Sie befürwortet deshalb die Managed Care-Vorlage. Eine koordinierte Behandlung in Netzwerken sei für Patienten oft besser.

Kritiker warnen

Viele Spezialisten, aber auch einige Hausärzte sind gegen die Vorlage. Kinderarzt Daniel Bracher, Präsident des Vereins für eine freie Arztwahl, kritisiert: «Die Vorlage bevorzugt Modelle mit Budgetverantwortung und verteuert andere bewährte Modelle wie die Telemedizin.» Budgetverantwortung für Ärzte sei unnötig.

Brachers Befürchtung: Mit Budgetverantwortung würden Ärzte notwendige Behandlungen aus wirtschaftlichen Gründen möglicherweise nicht mehr durchführen. 

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Studiogespräch mit Jacqueline Fehr, Nationalrätin SP/ZH

8:19 min, aus Kassensturz vom 8.5.2012

Bessere Qualität

Thomas Rosemann, Professor für Hausarztmedizin an der Uni Zürich sieht das anders. Er hat selbst zum Thema geforscht und kennt die Studien über Managed Care. Er sagt: «Patienten in Modellen mit Budgetverantwortung werden nicht schlechter behandelt. Im Gegenteil.» Das zeige auch die Erfahrung in der Schweiz. Die Koordination sei besser.