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Gesundheit Unterschätzte Krebs-Gefahr: Formaldehyd in Möbeln

Tränende Kinderaugen, Ausschläge auf der Haut: Schuld ist der neue Kleiderschrank im Kinderzimmer. Er dünstet krebserregendes Formaldehyd aus. Experten kritisieren die zu hohen gesetzlichen Richtwerte für Möbel.

Familie Heisterkamp hat für ihr Kinderzimmer einen Kleiderschrank bei Ikea gekauft. Schon bald zeigten sich die ersten unerwünschten Nebenwirkungen dieser Anschaffung: Die Familie schlief wochenlang nicht mehr durch, da der zweijährige Jonah immer wieder von nächtlichen Hustenanfällen geplagt wurde. Der Kleine litt lange unter tränenden, verklebten Augen und hatte zeitweilig ein juckendes Ekzem am Bein.

«Uns ist aufgefallen, wie stark der Schrank gerochen hat», erzählt Bernd Hesterkamp. Im Internet suchte er deshalb nach Methoden, wie man den lästigen Geruch des Möbels los wird. Dabei stiess er auf den Hinweis, dass der Geruch durch Formaldehyd verursacht werden könnte. Bei weiteren Abklärungen kam der Verdacht auf: Der Schrank im Kinderzimmer trägt die Schuld an der Erkrankung des kleinen Jonah. Denn Formaldehyd kann die Schleimhäute reizen und die Krankheits-Symptome, wie sie beim Zweijährigen beobachtet wurden, auslösen.

Formaldehyd wird unter anderem in der industriellen Produktion von Spanplatten oder Sperrholz als Bindemittel zum Verleimen der Platten verwendet. Problematisch an Formaldehyd ist, dass es aus dem Material austreten und Beschwerden verursachen kann. Seine Wirkung gilt als krebserregend. Kassensturz berichtete bereits im Jahr 1993 darüber und noch immer verwendet die Möbelindustrie Formaldehyd.

Bernd Heisterkamp wollte Gewissheit und machte einen sogenannten Draeger-Test. Dieser zeigt an, ob Möbel Formaldehyd absondern. Das Resultat: Die Konzentration ist sehr hoch, der Test zeigte maximale Werte an. Für Bernd Heisterkamp ist klar: Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Krankheit seines Sohnes und der Ausdünstung des Schrankes. Gleich nach der Messung entfernte er den Schrank aus der Wohnung. Seither ist der kleine Jonah wieder putzmunter.

Das Möbelhaus Ikea stand schon anfangs der 1990er Jahre in der Kritik wegen der Verwendung von Formaldehyd in der Möbelherstellung. Ikea-Marketingleiter Carlos Friedrich nimmt Stellung zum Fall der Familie Heisterkamp:

«Wir nehmen den Fall ernst, sehr ernst sogar, so dass wir das Produkt natürlich entgegengenommen haben, der Kunde hat das Geld zurückbekommen.»

Der Kleiderschrank, so Friedrich, sei zur Überprüfung in ein Testinstitut nach Deutschland geschickt worden. Das Resultat des Tests zeige: Die Grenzwerte wurden klar eingehalten. Die Testwerte liegen 50 Prozent unter dem gesetzlich vorgeschrieben Formaldehyd-Wert.

Auch 50 Prozent unter dem Richtwert sei oft zu viel, sagt Markus Dietschi von der Zürcher Fachstelle für Luftreinhaltung. Viele Konsumenten melden Beschwerden wegen Formaldehyd - trotz eingehaltenem Richtwert. Für Dietschi ist klar: Die Belastung durch Formaldehyd, auch wenn sie sich unter dem Richtwert bewegt, ist schädlich für die Gesundheit.

Die Kunden sind verunsichert und Fachleute kritisieren den ungenügenden Richtwert. Doch viele Möbelfirmen verwenden weiterhin Formaldehyd. Carlos Friedrich von Ikea Schweiz:

«Leider ist es zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich, Holzplatten ohne Formaldehyd-Emissionen industriell herzustellen. Aber unsere Produkte bewegen sich 50 Prozent unter dem gesetzlichen Mindestwert und wir werden daran arbeiten, dies auf den natürlichen Emissionswert von Holz zu senken.»

Die Ikea rät von selbst durchgeführten Tests, wie ihn Bernd Heisterkamp zur Bestimmung der Formaldehyd Belastung vorgenommen hat, ab. Solche Tests hätten in der Vergangenheit immer wieder zu falschen Messresultaten und damit zu Verunsicherungen geführt.