Amtliche Bevormundung: Wieder ein neues Label

Das Bundesamt für Gesundheit will gesunde Lebensmittel kennzeichnen. Ein neues gesamtschweizerisches Label soll gesunde von weniger gesunden Produkten unterscheiden helfen. Das sogenannte «Choice»-Label, das in einigen EU-Ländern bereits verwendet wird, kommt in der Schweiz gar nicht gut an.

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Amtliche Bevormundung: Wieder ein neues Label

13 min, aus Kassensturz vom 2.3.2010

Soviel ist unbestritten: Wir werden immer dicker. Mitverantwortlich ist der hohe Zucker- und Fettkonsum ist mitverantwortlich. Das Bundesamt für Gesundheit will, dass wir uns gesünder ernähren. Doch es ist für Konsumenten oft schwierig, gesunde Produkte von weniger gesunden zu unterscheiden. Zwar sind heute auf allen Verpackungen Nährwerttabellen zu finden. Das Problem: Nur die wenigsten Konsumenten können diese Angaben auch interpretieren. Die schwer verständlichen Nährwert-Angaben sollen deshalb mit einem neuen Label ergänzt werden: Dem sogenannten Choice-Label – die Schweiz lehnt sich dabei an Holland an.

In Holland kennt man das Label schon seit vier Jahren. «Ein wissenschaftlicher Rat stellt die Kriterien zusammen, die erfüllt sein müssen, damit ein Produkt das Label erhält», erklärt Léon Jansen. Er hat im Auftrag der Stiftung Choices International in den Niederlanden das Label eingeführt. Das Label habe zum Beispiel dazu geführt, dass ein Joghurt-Produzent 100'000 Kilogramm weniger Zucker pro Jahr verwende.

Gesunde Guetzli?

«Kassensturz» hat sich in Supermarkt-Ketten in Holland umgeschaut und auch widersprüchliches gefunden. Auch Süsswaren können das Label erhalten: Im Guetzliregal befinden sich aber nur zwei Produkte mit der Auszeichnung. Sie enthalten Früchte und weniger Kristallzucker. Auch Mayonnaise gibt es mit Label. Tatsächlich enthält sie weniger Fett als andere. Aber ist sie deswegen gesund? Umgekehrt ist in der Früchte und Gemüseabteilung das Label kaum anzutreffen. Der Grund: Nicht alle Produzenten machen mit – das Label ist freiwillig. «Wir denken in Produktgruppen. Und nur die besten Produkte bekommen ein Logo. Auch der Konsument wählt innerhalb einer Produktgruppe: Mayonnaise, oder Joghurt oder Gemüse. Wir wollen aber nicht die Produktgruppen untereinander vergleichen», erklärt Jansen.

«Das schafft nur Verwirrung»

Das ist genau was die Schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz bemängelt: Ein süsser Snack könne, weil zuckerreduziert, das Label erhalten, aber ein normales Vollkornsandwich eventuell nicht. «Das ist ein Widerspruch und schafft nur Verwirrung», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz.

Ungesunde Milch?

Auch die Schweizer Lebensmittelproduzenten kritisieren das «Choice»-Label. «Wir haben keine Freude an einem neuen Label. Es teilt unsere Produkte in gute und schlechte Lebensmittel ein», sagt Lorenz Hirt, Co-Präsident der Föderation der Lebensmittel-Industriellen. Besonders ein Ärger: Normale Schweizer Vollmilch würde kein Label erhalten – weil es zu viel tierische Fette habe. «Auch Schweizer Käse fällt durch wegen der Salze. Unserer Meinung nach ist dies unsinnig», sagt Lorenz Hirt.

Keine Freude an der Einführung eines neuen Labels auch beim Schweizerischen Detailhandel. Migros verweist auf die neuen, sogenannten GDA-Nährwertangaben. Diese Zusatzinformationen will sie bis in zwei Jahren auf allen Eigenmarken aufdrucken. «Somit helfen wir dem Kunden bereits, eine bewusstere Wahl zu treffen, das genügt», sagt Migros-Sprecherin Nathalie Eggen.

Ampelsystem aus England

Einig sind sich viele Experten darüber, dass die jetzigen Nährwertangaben oft schwierig zu interpretieren sind. Die Schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz befürwortet darum das britische «Ampelsystem». Das ist ein Nahrungsmittel-Label, das vor drei Jahren in England lanciert worden ist.

Die Nährwerte zu jedem einzelnen Produkt sind in verschiedenen Farben angegeben. Zucker, Fette, und Salze strahlen je nach Menge in verschiedenen rot, orange oder grün von der Produkte-Packung. Umfragen in England haben gemäss britischer Gesundheitsbehörde ergeben, dass Konsumenten, das «Choice»-Label als nicht hilfreich erachten.