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Konsum Das grosse Leiden für unser Leder

Bekannte Marken setzen auf Schuhe aus Indien. Doch sie deklarieren kaum, woher das Leder kommt. «Kassensturz» recherchierte in Gerbereien, Schlachthöfen und Fabriken und zeigt die bittere Realität der Lederproduktion: giftige Chemikalien, die Arbeiter und Umwelt schädigen – sowie viel Tierquälerei.

Legende: Video Leder aus Indien: Tiere und Arbeiter leiden für unsere Schuhe abspielen. Laufzeit 20:43 Minuten.
Aus Kassensturz vom 16.12.2014.

Samstags ist Viehmarkt in einem kleinen Ort im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Bauern und Händler aus der ganzen Region reisen an, um ihre Rinder zu verkaufen. Viele Käufer sind Zwischenhändler aus dem benachbarten Bundesstaat Kerala. Dort sind Rinder teurer, weil die Nachfrage nach ihrem Fleisch grösser ist. Deshalb kaufen die Händler die Tiere auf diesem Viehmarkt und fahren sie weit weg zum Schlachthof. Der Transport nach Kerala dauert zehn Stunden.

Quälerische Tiertransporte

Männer beladen einen Transporter: Sie binden die Rinder dicht an dicht. Die Platzverhältnisse sind so eng, dass sie das indische Gesetz verbietet. Doch die Männer halten sich nicht daran – um die Kosten tief zu halten. Insgesamt 31 Tiere pferchen Arbeiter in einen Transporter. Dann geht es über 600 Kilometer ins Schlachthaus. Die Tiere stehen die ganze Zeit und können sich kaum bewegen. Auch zu fressen und zu trinken erhalten sie auf dieser beschwerlichen Fahrt nicht.

«Es ist eine harte Reise», sagt Tierschützer Satish Kumar. «Manche Tiere brechen sich während der Fahrt gar die Beine und fallen zu Boden.» Kumar kann das nicht länger mitansehen. Mit Hilfe von Spenden hat er hunderte Rinder gerettet, indem er sie freigekauft und an Orte gebracht hat, wo sie ungestört leben können.

Tiere werden geschächtet

«Kassensturz» besucht einen Schlachthof in der Nähe des Viehmarktes. Die Tiere werden geschächtet. Die Metzger töten das Tier mit einem Schnitt durch die Kehle und lassen es verbluten. Auf diese Art werden laut Experten die meisten Rinder in Indien geschlachtet. Dabei kann es mehrere Minuten dauern, bis das Tier stirbt. Ein qualvoller Tod.

Die Haut des verbluteten Tieres lassen die Metzger liegen, bis ein Zwischenhändler kommt, der sie für rund zehn Franken kauft und weiterverkauft an eine Gerberei.

«Nicht bis zur Kuh rückverfolgbar»

Die deutsche Schuhhandelskette Deichmann (Dosenbach, Ochsner Shoes) möchte sich für mehr Transparenz in der Schuhproduktion einsetzen und lädt «Kassensturz» ein, bei einem ihrer wichtigsten indischen Lieferanten zu filmen. 432‘000 Rinderhäute verarbeitet das Unternehmen pro Jahr: «Leider lässt sich noch nicht bis zur Kuh zurückverfolgen, woher das Leder kommt. Aber es gibt zumindest eine Transparenz bis zur Rohware», sagt Andreas Tepest von Deichmann. Das Unternehmen arbeite daran, die Kette mit einer Umweltorganisation namens «Leather Working Group» transparenter zu machen.

Das Problem: Leder stehe nicht im Zentrum. Die tierquälerischen Zustände – das seien primär die Zustände der fleischproduzierenden Industrie: «Wir sind die Abnehmer eines Abfallproduktes. Es würde zu weit gehen, wenn wir von der Weide bis zum fertigen Produkt nachweisen müssten, aus welchen Quellen das stammt.»

Giftige Gerbereien

«Kassensturz» besucht unangemeldet eine der über 100 Gerbereien in der Nähe. Das Leder komme aus Europa, Asien und verschiedenen indischen Bundesstaaten, sagt ein Manager.

80 Angestellte verarbeiten rund um die Uhr Tierhäute. Für vier Franken pro Tag. Kaum genug zum Leben. Es ist drückend heiss, der beissende Gestank brennt in der Nase. 2500 Häute werden hier pro Tag gegerbt. Das Gerben ist ein gefährliches Gewerbe. Um Leder haltbar zu machen, braucht es giftige Stoffe.

Am Boden liegen Säcke und Fässer mit verschiedenen Chemikalien, die in grossen Mengen für den Gerbvorgang verwendet werden. In grossen Trommeln wird das Leder in einem Chemiecocktail gerührt, der unter anderem Chromsalze enthält. Das meiste Leder wird mit dieser Methode haltbar gemacht.

Chromsalze reizen Haut und Schleimhäute stark. Die Gerbereiarbeiter sind den giftigen Flüssigkeiten oft schutzlos ausgesetzt. Dies führt zu starken gesundheitlichen Problemen. «Viele unserer Arbeiter leiden unter Hautkrankheiten, Asthma und Lungenproblemen», sagt der Manager.

Ausschläge, Asthma, Arbeitsunfälle

In den Siedlungen um die Gerbereien berichten die Gerbereiarbeiter von den schlimmen Folgen ihrer Arbeitsbedingungen. So Sivaprakasam Vinayagam. Er hat jahrelang in Gerbereien gearbeitet und leidet an starken Atemproblemen. «Der Arzt sagte, mein Asthma komme von der Arbeit mit den Chemikalien in der Gerberei.» Er riet Vinayagam, sich eine neue Arbeit zu suchen.

Auch kommt es in den Gerbereien immer wieder zu Arbeitsunfällen: Soundhor Rajans rechte Hand geriet zwischen zwei Rollen einer Schneidmaschine. Diese rissen einen Teil seiner Hand ab. Das war vor sechs Jahren. Seither kann er mit der rechten Hand kaum greifen und arbeitet als Hilfskraft in einer anderen Gerberei. Dabei verdient er nicht einmal halb so viel wie vorher. Seine Mutter muss ihn unterstützen.

Im gleichen Dorf lebt Abbu Sankar. Seit Jahren quält ihn – wie viele andere Gerbereiarbeiter – ein Ekzem: «Es ist schrecklich, es juckt und schmerzt Tag und Nacht.» Oft kratzt sich Abbu Sankar blutig. Sein Arzt sagt, so lange er in der Gerberei arbeite, werde das nicht besser. Trotzdem geht er jeden Tag dort hin. Er würde gerne als Bauer arbeiten – doch die giftigen Gerberei-Abwässer haben alles zerstört – die Böden und das Grundwasser. Die Dorfbewohner sind auf Wassertanks angewiesen.

Verschmutzte Böden

Bei der Lederproduktion, vor allem in Gerbereien, entstehen viele giftige Abwässer. Wasseraufbereitungsanlagen sind zwar gesetzlich für jede Gerberei vorgeschrieben. Doch diese seien häufig nur ein Feigenblatt, sagen die Vertreter der stärksten Umweltschutzvereinigung der Region, dem «Vellore Citizen Wellfare Forum».

Seit 25 Jahren dokumentiert das Forum die Umweltschäden. 1991 reichte es eine Klage beim höchsten Gericht Indiens ein und bekam Recht. Trotz dieses Urteils müssen die Umweltschützer weiterkämpfen. Woche für Woche dokumentieren sie Missstände und sammeln Informationen für das Gericht. «Die Gerbereien haben zwar Wasseraufbereitungsanlagen, es kommt jedoch immer wieder vor, dass sie das Wasser illegal in der Nacht abfliessen lassen», sagt ein Vertreter der Organisation. Am Morgen führe der Bach oft viel mehr Wasser als am Abend und es stinke jeweils widerlich. Die Männer geben jedoch nicht auf. Sie wollen die Missstände publik machen und erreichen, dass das Gerichturteil umgesetzt wird – damit diese Umweltverschmutzung aufhört.

Aber Kühe sind doch heilig?

Das stimmt. Für die meisten Hindus sind Kühe heilige Tiere. Sie leben frei, niemand darf ihnen etwas antun. Im südindischen Kerala gibt es aber weniger Hindus als im landesweiten Durchschnitt. Deshalb werden Rinder dort geschlachtet, und es gibt entsprechend viele Schlachthöfe.

Gift im Schuh

Gift im Schuh

«Kassensturz» hat in Schweizer Fachgeschäften 20 Lederschuhe eingekauft und auf das giftige Chrom VI prüfen lassen. Hier erfahren Sie mehr.

90 Kommentare

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  • Kommentar von Monika Megert, Wallisellen
    Weltweit muss es verboten werden, die Erde zu vergiften. Dies ist noch weit schlimmer, als ein Tier zu töten. Ein totes Tier spendet anderen Lebewesen Leben. Ein vergifteter Landstrich ist tödlich für alle. Mit der Vergiftung des Landes sägen wir uns allen den Ast zum Leben ab. Arme Menschen könnten auf der Erde leben, wenn sie nicht in einer vergifteten Umwelt wären. Sie wären weniger abhängig von einer Industrie, die sie und ihre Kinder tötet.
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    1. Antwort von Saoi Aebi (saoiaebi)
      Absolut einverstanden, was die Reichweite von ökologischen Schäden in Drittweltländern anbelangt. Allerdings möchte ich gerne darauf hinweisen, dass ein totes Tier nicht zwingend einem anderen Lebewesen Leben spendet, wie Sie es beschreiben. Immerhin kann man auch ohne Leder, Pelz, Wolle und Co. (zumindest in Mitteleuropa) gut und mühelos leben. Übrigens auch ohne Fleisch. Und das zerstört ja ebenfalls die Lebensräume anderer Menschen in ärmeren Regionen - Soja-Kraftfutter sei Dank.
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  • Kommentar von Serafino Camenisch, Wallisellen
    Ihre Sendung hat mir den Schlaf geraubt - bring die Bilder nicht mehr aus dem Kopf! Diese unsägliche Tierquälerei muss doch bekämpft werden. Die Schuhimporteure sollen diese Schuhe für Fr. 20.-- teurer verkaufen und diesen Betrag für den Tierschutz vor Ort einsetzen! Ich hoffe, der Kassensturz bleibt an diesem Thema weiterhin dran!
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  • Kommentar von Angelika Hunziker, 8134 Adliswil
    Als konsequente Veganerin trage ich schon seit Jahren keine Lederschuhe mehr. Neben billigen Lederimitaten, die wohl auch nicht unter besseren Bedingungen produziert werden, gibt es auch qualitativ hochstehende, giftfreie und fair produzierte Alternativen und in den letzten Jahren sind sind die verwendeten Materiale deutlich besser geworden. Schade, dass nach der tollen Reportage nicht auf diese Möglichkeit verwiesen wurde!
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    1. Antwort von Pia Schmid, Bern
      Vegan sein und kein Leder tragen nützt weder den armen indischen Lerdergerbern, noch den Tieren. Angenommen, es kauft niemand mehr Leder aus Indien, wäre es besser, wenn das Leder aus Bangladesh kommt? Die Gerbereiarbeiter brauchen höhere Löhne und sichere Arbeitsplätze. Und auch für eine bessere Tierhaltung braucht es höhere Löhne und Druck von den grossen Konzernen. Zu der Schlachterei werden Kastenlose gezwungen, die im Akkord bezahlt werden und sonst keinen anderen Beruf ausüben können.
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    2. Antwort von Saoi Aebi (saoiaebi)
      @ Pia Schmid: Das ist das übliche Dilemma. Sollen wir beispielsweise aufhören, unseren Elektroschrott billig nach Afrika zu exportieren, weil man in Ghana und Co. ja dann den Einheimischen "Arbeit" ermöglicht. Die Antwort ist nicht ganz einfach und doch deutlich: Ja. Denn wenn man das dadurch entstehende Vakuum füllt mit Aufträgen wie Solarpanels bauen etc., tötet man weder Leben, noch zerstört man Arbeitsplätze. Die Frage ist eher: Sind wir bereit, für solche Projekte etwas mehr auszugeben?
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