Kremations-Asche: Das Geschäft mit Zahngold

80 Prozent der Schweizer lassen sich nach dem Tod kremieren. Nicht nur Asche bleibt übrig, sondern auch Zahngold im Wert von mehreren Millionen Franken. Einzelne Krematorien verkaufen dieses Gold, wie «Kassensturz» enthüllt. Fragwürdiges Geschäft oder sinnvolle Weiterverwertung?

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Zahngold in Kremations-Asche: Umstrittenes Geschäft mit Toten

10 min, aus Kassensturz vom 8.10.2013

Das Thema ist sehr heikel und kaum bekannt: Recycling von Zahngold und anderen Edelmetallen aus Kremations-Asche. Technisch sind viele Krematorien dafür eingerichtet. Doch darf man das verwerten? In Deutschland haben mehrere Krematorien diese Rückgewinnung auch als Geldquelle entdeckt.

Genaue Zahlen für die Schweiz gibt es zu diesem Thema nicht. Eine Studie des deutschen Bestatter-Verbandes kommt zum Schluss, dass durchschnittlich pro Kremation 2,2 Gramm Gold anfallen. Umgerechnet auf die Schweiz mit rund 53‘000 Kremationen würde das bedeuten, dass jährlich Gold im Wert von 3,5 Millionen Franken in Urnen landen.

Heikles Thema für die Krematorien

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«Espresso» vom 09.10.2013:

«Espresso» vom 09.10.2013:

Grosser Zuspruch für Verwertung von Zahngold: Publikumsreaktionen zeigen: Viele befürworten die Verwertung von Zahngold. Es gibt aber auch kritische Stimmen. Hier erfahren Sie mehr.

Das SRF-Konsumentenmagazin «Kassensturz» hat erstmals bei allen Krematorien in der Schweiz nachgefragt. Fazit der Umfrage: Solothurn ist das einzige Krematorium in der Schweiz, welches Edelmetalle systematisch verwertet. Rüti im Zürcher Oberland hat ebenfalls einen kleinen Erlös aus Goldrückständen. Etliche andere Krematorien wären technisch ebenfalls in der Lage, Edelmetall relativ einfach auszusortieren. Sie verzichten aber aus Pietät oder rechtlichen Gründen auf eine Verwertung. Doch das Thema ist brisant. Der Verband der Krematorien arbeitet an einem Ethik-Kodex.

Gold im Wert von mehreren Zehntausend Franken.

Das Krematorium Solothurn ist mit rund 1000 Kremationen pro Jahr ein eher kleiner Betrieb. Zwei Angestellte äschern im Schnitt täglich vier bis fünf Verstorbene ein. Seit letztem Jahr ist im Krematorium Solothurn eine neue Aschemühle installiert. Diese sortiert Edelmetalle aus der Toten-Asche automatisch aus. «Hauptsächlich fällt Gold an, aber auch Silber und Platin», erklärt Betriebsleiter Michael Streun gegenüber «Kassensturz». Das Edelmetall stammt von Zahngold und von Schmuck.

«Das Gold verkaufen wir an einen lokalen Goldschmied», erklärt Stadtschreiber Hansjörg Boll. Die Verwertung lohnt sich. Obwohl die Mühle nur einen Teil des Jahres in Betrieb war, kam so Gold im Wert von rund 35‘000 Franken zusammen. Dieses Jahr rechnet das Krematorium mit einem deutlich höheren Ertrag.

Zahngold in der Kremations-Asche

  • Zahngold in der Kremations-Asche

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Erlös fliesst in Friedhofs-Rechnung

Der Erlös aus der Gold-Verwertung fliesst in die Friedhofs-Finanzierung. Man habe auch diskutiert, ob man das Geld spenden soll, sich aber dagegen entschieden. «Wir sind der Meinung, dass der Erlös so wieder den Leuten zugutekommt, die diese Dienstleistung in Anspruch nehmen, weil wir auf diese Weise die Gebühren etwas tiefer halten können», sagt Stadtschreiber Boll.

Auch Rüti verwertet Gold aus Kremations-Asche

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Hüftprothesen in Krematorien

Jedes Jahr fallen in Krematorien tausende Kilo medizinischer Stahl an. Dieses Metall wird an spezialisierte Verwertungsfirmen verkauft. Pro Kilo erhalten die Krematorien bis zu 3 Franken.
Die Erlöse werden unterschiedlich verwendet. Einige spenden das Geld, bei anderen fliesst es in die Friedhofs-Rechnung, bei zweien in die Kaffeekasse.

Das Krematorium Rüti im Zürcher Oberland sortiert Edelmetalle wie etwa Zahngold ebenfalls aus. Allerdings unfreiwillig, wie Peter Luginbühl, Präsident der Stiftung Krematorium Rüti, erklärt. «Bei der Asche-Aufbereitung bleiben gewisse Edelmetall-Rückstände technisch bedingt in der Mühle zurück. Bei der periodischen Reinigung werden diese Rückstände aussortiert.» Der Erlös von 5000 bis 7000 Franken im Jahr spendet das Krematorium an palliative Organisationen.

Krematorien verzichten auf erhebliche Einnahmen

«Wir haben das intern auch schon diskutiert. Basel-Stadt ist aber der Meinung, dass das Edelmetall den Verstorbenen gehört und deshalb tasten wir das Gold nicht an», sagt Bernhard Meister, der Betriebsleiter des Krematoriums Basel. Die technische Vorrichtung zur Aussortierung der Edelmetalle wurde deshalb deaktiviert. Allfälliges Edelmetall bleibt in der Asche und kommt in die Urne. Dabei würde sich die Aussortierung in Basel mit rund 4200 Kremationen pro Jahr finanziell sehr lohnen.

Verband: Ethik-Kodex in Diskussion

Das Thema ist in der Schweiz noch kaum bekannt. Der Schweizer Verband für Feuerbestattung zeigt sich auch eher zurückhaltend: «Das ist ein höchst sensibles Thema», sagt Verbands-Sekretär Rolf Steinmann. Man sei aktuell daran, einen entsprechenden Ethik-Kodex zu erarbeiten. «Wir haben die Haltung, dass Edelmetall beim Verstorbenen bleibt. Auch nach der Einäscherung.»

Solothurner Praxis ist nicht rechtskonform

Das Vorgehen Solothurns gehe rechtlich nicht, sagt Alexandra Rumo-Jungo, Professorin für Zivilrecht an der Universität Fribourg. «Denn der Entscheid, was mit der Asche und demzufolge auch mit dem Zahngold passiert, obliegt den Angehörigen.» Angehörige würden davon ausgehen, dass alles, was kremiert wird, auch beigesetzt wird. Wenn ein Krematorium Gold aussortiert, müsste es die Angehörigen informieren, so Rumo-Jungo. «Am besten tut man dies schriftlich im Vertrag mit dem Krematorium oder dem Bestatter.»

Sobald das Gold von der Asche getrennt wird, stelle es ein Vermögen dar und gehöre zur Erbmasse. «Angehörige könnten also auch die Herausgabe des Metalls verlangen», so die Expertin für Erbrecht. Allerdings dürfte ein Krematorium dann allfällige Kosten verrechnen.

Solothurn: Anpassung des Friedhofreglements

Das Krematorium Solothurn will zwar auch weiterhin Edelmetalle aussortieren, gibt sich aber selbstkritisch. «Wir haben bei der Einführung dieser neuen Anlage nicht an die Information der Angehörigen gedacht», sagt Stadtschreiber Hansjörg Boll. Das will man nun nachholen, indem man das Friedhofsreglement entsprechend anpasst.