Schweizer Zuckerberg: Teuer und klimaschädlich

50'000 Tonnen Zucker zu viel produzieren Schweizer Bauern. Schutzzölle und garantierte Preise versüssen den Bauern den Zuckerrübenanbau. «Kassensturz» zeigt: Zucker aus der Dritten Welt wäre günstiger, eine sinnvolle Einnahmequelle armer Länder und zum Erstaunen vieler sogar ökologischer.

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Teuer, klimaschädlich und unfair

7:51 min, aus Kassensturz vom 8.12.2009

Bauer Samuel Keiser ist Präsident des Schweizerischen Verbands der Zuckerrübenpflanzer und bewirtschaftet zusammen mit seinem Nachbarn im solothurnischen Fulenbach sechs Hektar mit Rüben. In diesem Jahr haben Zuckerrübenbauern soviel Rüben geerntet wie nie zuvor, die dritte Rekordernte in Folge. Sie produzieren damit mehr Zucker, als Schweizer konsumieren können. Auch Samuel Keiser fuhr heuer eine gute Ernte ein: 520 Tonnen Rüben holte er aus der Erde. Der Bauer begründet die grosse Überproduktion: «Wir hatten klimabedingt sehr gute Jahre.» Zuckerrübenanbau sei nicht genau planbar, er finde in der Natur statt und nicht auf dem Reissbrett.

Ein Geschäft ohne Risiko

Das gute Wetter erklärt nicht alles. Fast 7000 Zuckerrübenbauern beackern in der Schweiz rund 20'000 Hektaren Land. Dafür zahlt ihnen der Bund fast 40 Millionen Franken an Direktzahlungen. Zudem profitieren die Bauern von einer Abnahmegarantie der Zuckerfabriken, 57 Franken pro Tonne – ein Geschäft ohne Risiko. Viele Bauern haben die Rübenproduktion deshalb massiv hochgefahren. Von 825'000 Tonnen im Jahr 1995 auf derzeit 1'709'000 Tonnen. Mehr als doppelt soviel.

In Aarberg im Kanton Bern dreht sich alles um die Zuckerrübe. Die Zuckerfabrik in Aarberg produziert seit bald 100 Jahren Zucker. Schon am frühen Morgen fahren die ersten Traktoren auf. Bauern bringen ihre Ernte. Täglich rollen zudem 100 Eisenbahnwagons heran, beladen mit Zuckerrüben. Die Fabrik verarbeitet tausende von Tonnen Tag für Tag. Erst werden die Rüben gewaschen, dann geschnitten. Heisses Wasser wäscht den Zucker heraus. Aus sechs Kilogramm Rüben gewinnt die Fabrik ein Kilogramm Zucker. Bis Weihnachten sind die Maschinen Tag und Nacht in Betrieb und produzieren dabei täglich 1000 Tonnen Zucker.

Erstaunliche Ökobilanz

In diesem Jahr produzieren die Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld 270'000 Tonnen – 40'000 Tonnen zu viel. Der überschüssige Zuckerberg muss gelagert werden, ein grosser Teil davon in zugemieteten Hallen. Das kostet mehrere Millionen. Um eine weitere Überproduktion zu verhindern, hat die Zuckerbranche die Anbauquote fürs nächste Jahr um knapp 10 Prozent gesenkt. Trotz des Zuckerbergs: Es sei vernünftig, dass der Bund die Zuckerrübenproduktion unterstütze. Nur so seien die Fabriken voll ausgelastet, sagt Josef Arnold, Direktor der Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld AG. Zudem würde die Zuckerrübe vor den Toren der Zuckerfabriken wachsen, vom Bodensee bis zum Genfersee. Arnold: «So kommt Zucker auch auf kürzestem Weg zu den Konsumenten und in die Lebensmittelindustrie.»

Die Werbung der Schweizer Zuckerbranche behauptet das gleiche. Es sei sinnvoller, Zucker in der Schweiz zu produzieren, als ihn über die Weltmeere heranzuschaffen. Doch das Gegenteil trifft zu: Thomas Kägi von Myclimate hat die Ökobilanzen verschiedener Zuckerprodukte berechnet. Die CO2-Bilanz beispielsweise von Rohrzucker aus Paraguay ist trotz weitem Transport rund 40 Prozent besser als die von Schweizer Rübenzucker. Thomas Kägi nennt vor allem zwei Gründe dafür: Zuckerrohr sei deutlich weniger aufwändig im Anbau als Rübenzucker und bei der Zuckerherstellung in der Fabrik mit Zuckerrohr könnten nach dem Pressen die Resten zur Energiegewinnung verfeuert werden. «Während beim Rübenzucker fossile Energieträger gebraucht werden», sagt der Klimaexperte.

Unfairer Protektionismus

Für den ökologisch fragwürdigen Zucker aus der Schweiz müssen Konsumenten zudem zu viel bezahlen. Auf dem Weltmarkt kostet Zucker 30 Prozent weniger. Doch Agrarzölle verhindern den Import von billigem Zucker aus Übersee. Der ganze EU-Markt ist abgeschottet. So kann die Zuckerbranche einen überhöhten Preis verlangen. Das sei auch gegenüber Entwicklungsländern unfair, sagt Michel Egger, Experte für Handelsfragen bei der entwicklungspolitischen Arbeitsgemeinschaft Alliance Sud in Lausanne. Denn Importzölle erschweren es, dass ärmere Länder ihre Agrarprodukte in der Schweiz verkaufen können. Mit ihrer subventionierten Produktion und der sehr protektionistischen Politik nehme die Schweiz diesen Ländern Entwicklungschancen. Und: «Das führt dazu, dass heute in der Schweiz mehr Zucker produziert als konsumiert wird. Das heisst: Für ausländischen Zucker bleibt wenig Platz», sagt Egger.

Die Schweizer Zuckerbranche bittet Schweizer Konsumenten gleich zweimal zur Kasse. Als Steuerzahler finanzieren sie die Direktzahlungen und als Kunden bezahlen sie für Zucker zu viel. Ein hoher Preis zugunsten der Zuckerbranche. Zuckerrübenbauer Samuel Keiser: «Bund und Konsumenten müssen sich die Frage stellen, ob ihnen das wert ist.» Bis jetzt sei es ihnen das wert und er hoffe, dass es ihnen das noch lange wert sei. «Mir ist es sehr wichtig, dass man diese Produktion aufrecht erhalten kann und ich denke, die Arbeitsplätze, die dran gekoppelt sind, die sind das wert.»