Strombranche kassiert Solar-Fördergelder

Um Ökostrom zu fördern, zahlt jeder Stromkunde eine Abgabe. Damit wird die kostendeckende Einspeisevergütung KEV finanziert. Doch wer profitiert davon? Tausende von Hauseigentümer gehen leer aus. «Kassensturz» deckt auf: Schuld daran sind auch Elektrizitätswerke und Stromkonzerne. Ausgerechnet.

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Strombranche kassiert statt Private

5:43 min, aus Kassensturz vom 7.6.2011

Auch bei bedecktem Himmel bringen Photovoltaik-Anlagen bis zu zwei Dritteln ihrer Leistung. Für solche Panels sind Förderbeiträge der Kostendeckenden Einspeisevergütung KEV vorgesehen. Der Rentner Caspar Lehnis setzt auf diese nachhaltige Energiegewinnung. Er hat dafür gut 70'000 Franken investiert. Doch auf einen finanziellen Zustupf wird er wohl jahrelang warten müssen.

Lehnis' Gesuch steht auf Position 4536 der Warteliste der Photovoltaikanlagen. Wie lange das noch geht, bis er in den Genuss des KEV kommt, steht in den Sternen. Ein Grund: Auch Elektrizitätswerke und Stromkonzerne beziehen Fördergelsder. Weil ihre Anlagen grösser sind, verstopfen sie die Warteliste.

Tausende von Privatpersonen mit ihren Kleinanlagen müssen warten. Lehnis nennt das eine Schweinerei: «Hart gesagt ist das Betrug am Konsumenten. Der finanziert den Topf und dann bedienen sich zuerst die Elektrizitätswerke. Das kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein», ärgert sich Lehnis.

Grossanlagen haben grosses Prestige

Das Elektrizitätswerk Nidwalden bezieht schon heute KEV: Für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Einkaufzentrums Länderpark in Stans. Mit einer Jahresproduktion von rund 520‘000 Kilowattstunden ist sie das grösste Solarkraftwerk der Zentralschweiz. «Wir erhalten pro Jahr rund 275'000 Franken Förderbeiträge», erklärt der Direktor der Elektrizitätswerk Nidwalden, Christian Bircher.

Dass sich ein Elektrizitätswerk, dessen Aufgabe eine zukunftsgerichtete Energieversorgung ist, von Konsumenten fördern lässt, stört Bircher nicht. Auch nicht, dass Private benachteiligt werden. «Der Gesetzgeber hat keine Einschränkung gemacht. Er hat die KEV erfunden ohne Leistungsbegrenzung. Ohne Vorschriften betreffend der Investoren. Es könnte also auch ein Araber in eine KEV-Anlage investieren», erklärt Bircher.

Die KEV-Liste bleibt geheim

Die Fäden der KEV laufen bei Swissgrid zusammen. Die Nationale Netzgesellschaft bearbeitet die Gesuche und führt die Wartelisten. Doch: Welche Anlage wie viel Fördergeld erhält – das sagt Swissgrid nicht. Aus Datenschutzgründen.

Für die Öffentlichkeit bestimmt ist lediglich eine allgemeine Übersicht. Daraus geht hervor: Von der bei der KEV angemeldeten Jahresleistung aller Technologien stammen 36.9 Prozent aus der Strombranche.

Eine «Kassensturz»-Umfrage ergibt: Die Elektrizitätswerke Zürich EKZ beispielsweise erhalten für die Anlage auf dem Coop in Dietikon rund 175‘000 Franken jährlich. In Luzern bekommen «Energie Wasser Luzern» rund 220‘000 Franken für Solarzellen auf dem Dach der Messe. 

Die AKW-Betreiberin Bernische Kraftwerke BKW lassen ihre kleine, aber prestigeträchtige Photovoltaikanlage auf dem Jungfraujoch vom Konsumenten finanzieren. Auch für andere erneuerbare Energien erneuerbare Energien lassen sich EWs und Stromkonzerne viel Geld zahlen. BKW beziehen insgesamt 4.5 Millionen  Franken für Kleinwasserkraftwerke und acht Windturbinen im Jura.

Eine Axpo-Tochter erhält allein für den Strom aus dem grössten Holzkraftwerk der Schweiz in Domat-Ems 14 KEV-Millionen.

Solarexperten stört die KEV-Verteilung

Der Solarexperte und Nationalrat Eric Nussbaumer ärgert sich: «Energiekonzerne haben eine Aufgabe: Sie sollen unser Land mit sicherer und umweltfreundlicher Energie versorgen. Daher müssten sie Investionen in erneuerbare Energie machen auch ohne, dass sie Fördergelder kassieren.

Es ist doppelzüngig: Anfangs bekämpften sie diese Förderung, und im Moment, als wir sie politisch geschaffen hatten, probierten sie, das Geld abzuholen. Das macht die Leute verrückt. Das versteht man nicht auf der Strasse.»