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Konsum Überwachung zu Marketing-Zwecken auch in der Schweiz

Wer einkauft, muss damit rechnen, überwacht zu werden - ohne es zu wissen. Die internationale Firma «RetailNext» hat sich auf Überwachung zu Marketingzwecken spezialisiert. Und ist laut «Espresso»-Recherchen bereits in der Schweiz aktiv.

Die Firma «RetailNext» wirbt mit der totalen Überwachung des Kunden. Alles wird registriert. Sobald jemand ein Geschäft betritt wird er von Videokameras gefilmt und auf Schritt und Tritt verfolgt. Sensoren auf den Gestellen und weitere Daten, beispielsweise vom Handy, ergänzen das Bild des gläsernen Konsumenten.

Für die Läden ergeben sich so allerlei praktische Informationen. Anhand der Videoaufnahmen können die Geschäfte feststellen, wie viele Leute kommen, was sie anschauen, wo sie anhalten, wie ihr Gesichtsausdruck sich verändert und was sie kaufen. Mit den ausgewerteten Videobildern können die Läden, gemäss «RetailNext», ihren Umsatz um mehr als 20 Prozent steigern.

«Dutzende Geschäfte in der Schweiz»

«RetailNext» überwacht so, laut eigenen Angaben, rund 500 Millionen Shopper pro Jahr. Nun expandiert die amerikanische Firma auch in die Schweiz. Wie der CEO von «RetailNext», Alexei Agratchev, gegenüber der Konsumenten-Sendung «Espresso» behauptet, gibt es hier bereits mehrere Dutzend Läden, welche mit dem umstrittenen Videoüberwachungssystem arbeiten.

Welche Läden es sind, dürfe er aber nicht sagen: «Wir haben Vertraulichkeits-Vereinbarungen mit ihnen. Aber es sind alle grosse, globale Marken.» Diese seien vor allem im Luxus-Segment anzusiedeln. In den USA wird «RetailNext» aber auch bei Warenhäusern eingesetzt.

Verhaltene Reaktionen in der Branche

In der Schweiz sind die Händler offenbar eher skeptisch. «Espresso» hakte bei verschiedenen Geschäften nach und wollte wissen, ob sie mit «RetailNext» zusammenarbeiten. Die Antwort lautete fast unisono: Nein.

Weder die Grossverteiler Migros und Coop, noch die Kleiderläden «H&M» und «C&A», noch Warenhäuser wie «Globus» oder «Jelmoli» gaben an, Videokameras für Marketingzwecke in ihre Läden zu installieren.

Sogar die «Swatch Group», welche in den USA mit «RetailNext» zusammenarbeitet, erklärt auf Anfrage, dass sie in der Schweiz dieses System nicht verwendet. Ebenso der Luxushersteller «Montblanc».

Nur der amerikanische Kleiderladen «American Apparel» schreibt «Espresso», dass er mit «RetailNext» auch in der Schweiz operiert. Man gebrauche das System um herauszufinden, wie viele Menschen das Geschäft betreten und was sie kaufen. Dies geschehe jedoch vollkommen anonym.

Eidgenössischer Datenschützer skeptisch

Der Eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür beobachtet den Markteinzug von «RetailNext» genau: «So wie das geplant ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass das Datenschutzkonform durchgeführt werden kann.»

Denn es brauche eine Reihe von Informationen, welche man dem Kunden geben muss, so Thür weiter: «Jeder Kunde, der den Laden betritt, müsste gefragt werden ob er damit einverstanden ist, gefilmt zu werden. Er müsste genau informiert werden was für Daten erhoben werden, was mit diesen Daten gemacht wird und wer Zugang zu diesen Daten hat.»

Ob es in der Praxis möglich ist, den einzelnen Kunden offen und so umfassend zu informieren, bevor er den Laden betritt, ist fraglich. Ausserdem muss er nicht nur informiert werden, sondern auch deutlich sein Einverständnis zur Erhebung und Verwendung seiner Daten geben. Dies könnte sich als Knackpunkt erweisen.

Problematisch ist nur schon das Filmen zu Marketing-Zwecken. Schon bei Videoaufnahmen zur Diebstahlsicherung werde derzeit ein sehr restriktiver Umgang gepflegt, so Hanspeter Thür: «In diesen Fällen müssen die Daten nach einigen Tagen, nachdem festgestellt wurde, dass nichts geklaut wurde, gelöscht werden.»

Für Zwecke, die mit der Diebstahlsicherung nichts zu tun haben, gibt es erst recht keinen Rechtfertigungs-Grund, um Daten zu sammeln.

Konsument muss genau hinschauen

Dem Konsumenten bleibt derzeit nichts anderes übrig, als beim Einkauf genau hinzuschauen. Gemäss Hanspeter Thür soll man aufmerksam sein und beobachten, was alles im Geschäft installiert ist. Allenfalls könne man auch nachfragen.

Bei einem konkreten Verdacht könne man beim Datenschützer einen Hinweis machen. Gemäss Hanspeter Thür werde dann schnell gehandelt: «Da würden wir sicher nicht einfach darüber hinwegschauen.»

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