Handy-Tarife im Ausland: Abzockerei mit System

Mit dem Handy das Internet nutzen und E-Mails lesen ist für viele auch im Ausland selbstverständlich. Doch wer aus den Ferien zurückkommt, wird häufig schockiert: Gebühren von mehreren Tausend Franken sind nicht selten. «Kassensturz» zeigt, wie die Branche ihre Kunden in die Falle tappen lässt.

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Handy-Tarife im Ausland: Abzockerei mit System

12 min, aus Kassensturz vom 31.8.2010

Als sie die Handyrechnung bekam, war sie geschockt. Nicoletta Hermann aus Gais bei Appenzell ist seit Jahren treue Orange-Kundin. Seit sie ein Smartphone besitzt, nutzt sie die vielen Vorzüge des mobilen Internets. Ihre Ferienfotos kann sie überall anschauen. Nicoletta Hermann: «Mich überzeugt, dass ich unterwegs jederzeit ins Netz kann. Ich kann meine Mails abrufen und sie beantworten.»

Nie eine Warnung erhalten

Genau das hat sie in ihren Irland-Ferien getan. Sie war überzeugt: Ihr Orange-Abo für 35 Franken pro Monat, mit dem sie ein Gigabyte Daten herunterladen kann, ist mehr als ausreichend. Nicoletta Hermann wusste nicht, dass ihr Orange das Surfen im Ausland zu einem horrenden Tarif verrechnet: Für 407 MB, also weniger als die Hälfte von dem, was in ihrem Schweizer Abo inbegriffen ist, soll sie knapp 3000 Franken bezahlen – plus Mehrwertsteuer. Eine Warnung habe sie von Orange nie erhalten, sagt Nicoletta Hermann.

Internet-Surfen mit dem Handy: In der Schweiz bieten die Telekomfirmen mittlerweile günstige Abos an, inklusive stundenlangem Surfen im Internet. Doch diese Abos gelten nicht im Ausland. Wer nicht aufpasst, muss absurde Tarife bezahlen. Selbst mit einer speziellen Datenoption.

Der Internet-Vergleichsdienst Comparis hat für «Kassensturz» gerechnet: Mit einer Datenoption hätte Nicoletta Hermann fürs Internet-Surfen in Irland teure 407 Franken bezahlen müssen. Doch Orange verrechnet ihr den Standard-Tarif: 3258 Franken. In der Schweiz kann sie mit ihrem Abo für 35 Franken doppelt so viel herunterladen. Swisscom hätte von Nicoletta Hermann für die gleichen 407 Megabyte mit Datenoption 823 Franken verlangt. Auch die Swisscom verrechnet beim Standardtarif ein Vielfaches: 4072 Franken.

Experte: «ungerechtfertigt»

Am meisten kassiert Sunrise: für 407 Megabyte mit Datenoption verlangt die Firma 1801 Franken. Beim Standardtarif sogar: 6353 Franken. Comparis-Geschäftsführer Richard Eisler weiss: Die hohen Datenroamingpreise, die Schweizer fürs Surfen im Ausland bezahlen müssen, haben einen einzigen Grund. Es gehe ums Geldverdienen. Denn die effektiven Preise, die technischen Kosten, würden irgendwo im Rappenbereich liegen. Eisler: «Datenroamingpreise, wo man 8 bis 15 Franken pro Megabyte bezahlt, sind durch nichts zu rechtfertigen.» Ebenso wenig zu rechtfertigen seien die Roamingpreise von 1 bis 4 Franken pro Megabyte, die man mit einer Datenoption bezahlen muss.

«Kassensturz» liegen weitere Fälle vor: Eine Orange-Kundin sollte fürs Internet-Surfen in den Ferien mehr als 2600 Franken bezahlen. So richtig Geld verdienen wollte Orange bei einem weiteren Kunden: Fürs Internet-Surfen in New York verrechnete Orange 1,2 Gigabyte zum Standardtarif. Die Telefonrechnung im Total: rekordverdächtige 22'465 Franken.

Kostenobergrenze gefordert

Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz bekommt jedes Jahr rund hundert Dossiers mit überhöhten Handy-Rechnungen, besonders nach den Ferien. Sie verlangt gesetzliche Bestimmungen, so wie sie zwischen den Ländern der EU bestehen: «Es muss eine Kostenobergrenze geben.» Beim Überschreiten dieser Grenze müsse entweder die Verbindung gekappt oder eine Warnung gesendet werden, fordert Stalder.

Nach Reklamationen hat Orange die Rechnungen aus Kulanz - wie die Firma betont - nach unten korrigiert, auch bei Nicoletta Hermann. Was daran aber kulant sein soll, versteht sie nicht. Die Telekomanbieter betonen, sie würden die Preise für die Internetnutzung im Ausland nicht unabhängig festlegen. Sie müssten die Preise für das Roaming mit den ausländischen Anbietern abmachen. Aus diesem Grund seien ihre Kosten wesentlich höher.