Freizeit anno 1914: Abendunterhaltung war der Höhepunkt

Mehr als 60 Stunden pro Woche in der Fabrik arbeiten und dann noch zu Hause: Vor 100 Jahren hatte man in der Schweiz nicht viel Freizeit. Es war auch nicht viel los in einem Dorf. Und wenn doch, standen meist Vereine dahinter.

Ob man selbst Vereinsmitglied war oder nicht: Die Abendunterhaltungen der Vereine waren in den 1910er-Jahren Höhepunkte im Dorfleben. So freute sich Wildhaus (SG) 1914 auf den Unterhaltungsabend der Bürgermusik.

Bei dieser Gelegenheit waren für einmal auch Frauen willkommen. Oder wie es in einem Protokoll heisst: «Den unter dem Ehejoch schmachtenden Mitgliedern ist es erlaubt, ihre besseren Hälften mitzubringen. Ebenso ist es begrüssenswert, wenn sich auch der ledige Teil mit einer Evastochter einstellt.»

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«Chrampfe & Chrömle»

«Chrampfe & Chrömle»

«Espresso» zeigt in einer Serie, wie vor 100 Jahren gearbeitet und konsumiert wurde. Zur Übersicht
Weitere Beiträge von Schweiz Aktuell und anderen Sendungen finden Sie im SRF-Dossier «anno 1914».

Tanzen – der Tierseuche zum Trotz

Zu einer Abendunterhaltung gehörten Musik, kurze Theaterstücke und oft ein langer Ausklang. Das zeigt auch die Chronik des Männerchors Flaach (ZH): «Nach einem kräftigen Znüni von der immer redegewandten Wirtin zum Sternen wurde noch bis gegen den Morgen hin noch das Tanzbein geschwungen, unbekümmert der Tierseuche in benachbarten Gemeinden (mir hendsi ämel nit überchu).»

Der Männerchor Flaach probte einmal pro Woche. Die Disziplin liess allerdings zu wünschen übrig: An der Hauptversammlung 1915 ermunterte der Präsident die Mitglieder «zu pünktlicherem Erscheinen und zu mehr Ruhe während der Gesangsstunden.» Wer zu spät zu Probe kam, bezahlte 20 Rappen Busse, wer gar nicht kam das Doppelte.

Früher Bussen, heute Belohnung

Einmal pro Jahr Abendunterhaltung, einmal pro Woche Probe und viele Absenzen: «Da hat sich bis heute nichts oder nicht sehr viel verändert», stellt Vincent Fluck 100 Jahre später fest. Er singt heute im Männerchor Flaach und hat die alten Protokolle für die Vereinswebsite aufbereitet.

Was sich verändert hat: Statt Bussen für Probe-Schwänzer gibt es heute eine Belohnung für Sänger, die regelmässig zur Probe kommen. Vincent Fluck: «Man versucht also mit Anreizen, die Leute zum Probenbesuch zu bewegen.» Schliesslich sind die Zeiten längst vorbei, in denen es in der Freizeit kaum Alternativen zum Vereinsleben gab.

«Chrampf & Chrömle anno 1914» - Die Beiträge

15.07.: Ernährung vor hundert Jahren
18.07.: Einkaufen – Besuch im Chrömlerladen-Museum

22.07.: Mobilität vor hundert Jahren
25.07.: Ferien – Besuch im historischen Hotel

29.07.: Arbeit vor hundert Jahren
31.07.: Arbeitsschutz 1914 – Rundgang durch Basel mit Historiker

05.08.: Geld vor hundert Jahren: Ein Stück Land als Anlage
08.08.: AbzockerLebensmittelskandale und Wucherer

12.08.: Freizeit vor hundert Jahren
15.08.: Vereine: Früher war jeder in einem Verein