«Kassensturz undercover»: In den Fängen einer Network-Firma

Eine dubiose Firma ködert vor allem junge Leute mit einer vielversprechenden Job-Karriere. In Wahrheit steckt ein fragwürdiges Geschäftsmodell dahinter. «Kassensturz» schleust einen Reporter in die Organisation ein und zeigt die Machenschaften von Forever Living Products.

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«Kassensturz undercover»: In den Fängen einer Networkfirma

11 min, aus Kassensturz vom 18.11.2014

Es sind Mittelchen zum Abnehmen, zum schöner Aussehen, Nahrungsergänzungs- und Duschmittel. Das Geschäft mit den Aloe-Vera-Lifestyle-Produkten von Forever Living Products scheint ein gutes Geschäft zu sein. Wöchentlich treffen sich vorallem junge Leute an Verkaufsveranstaltungen, um damit reich zu werden. Alle werden sie mit dem Traum der Freiheit und des grossen Geldes geködert.

Völlig unerwartete Botschaft

Die Nachrichten an die meist jungen Leute kommen völlig unerwartet. Zum Beispiel über Facebook. «Hi Magnus. Du frögsch Dich jetzt sicher warum ich Dir schrieb. Ich bin Teamleiter vomene Management-Unternehme und bin fürs Marketing und d Expansion i dere Region zueständig.»

Die Botschaft erscheint im privaten Facebook-Postfach von Magnus Renggli. Was der Absender nicht weiss: Magnus Renggli ist Reporter beim «Kassensturz». Er recherchiert «Undercover».

Solche Mitteilungen erhalten zehntausende Menschen. Weltweit. Dahinter steckt die US-Firma Forever Living, die Livestyle-Produkte verkauft. Die Botschaft ist klar: Wer bei der Multi-Level-Marketing-Firma einsteigt, macht das grosse Geld.

«Für uns war es ein Verlustgeschäft»

Auch in Lütisburg im Toggenburg wurde man aufmerksam auf die Firma: Priska Näfs Mann erhielt von einem Forever-Living-Mitarbeiter die Einladung zu einem Treffen. Dort kauften sie Gesundheitsdrinks und Kosmetikartikel. Doch weiterverkaufen konnten sie kaum etwas. Jetzt sitzen sie auf Waren für 2500 Franken.

«Reich geworden sind wir nicht mit diesen Forever-Produkten. Im Gegenteil. Für uns war es ein Verlustgeschäft.» Letztes Jahr konnten Priska Näf und ihr Mann einen Bauernhof übernehmen. Mit dem Verkauf der Lifestyle-Produkte wollten sie Geld für die Anschaffung landwirtschaftlicher Maschinen verdienen.

Bei der Forever-Living-Verkaufs-Veranstaltung liess sie sich von der enthusiastischen Stimmung anstecken. «Es waren alle so glücklich und euphorisch. Man hat einen Zusammenhalt gespürt. Da haben wir gefunden, wir machen auch mit.» Vor allem jüngere Leute lassen sich auf solchen Veranstaltungen von der Stimmung mitreissen und kaufen Forever Living-Produkte für viel Geld.

«Kassensturz» geht mit

«Kassensturz» schleust sich bei einem Treffen ein. Über Facebook nimmt der Reporter Kontakt auf mit einem Forever-Living-Mitarbeiter. Es klappt. Der Mitarbeiter will uns an ein Treffen mitnehmen, an eine Verkaufs-Veranstaltung im zürcherischen Dübendorf. Solche Treffen finden in der ganzen Schweiz statt. In Dübendorf beinahe täglich.

Einblick in den «Schulungsraum»

Hier demonstrieren clevere Verkäufer vorallem, wie man ihre Produkte verkauft: Mitglieder anwerben, die ihrerseits Mitglieder für den Verkauf suchen. Das beweisen Tonaufnahmen einer Verkaufsschulung, die «Kassensturz» zugespielt wurden.

Hier ein paar Ausschnitte:

  • «Jeden Tag neue Leute, neue Leute, neue Leute, was doch so einfach ist.»
  • «Kennst du irgendjemand, für den es spannend sein könnte, im Monat 500, 600, 1000 Franken zu verdienen? Ja.»
  • «Was kann Dir besseres passieren, als wenn du mit 25 oder mit 30 das Thema Geldverdienen abhaken kannst und sagen kannst, jetzt kann ich mein Leben ganz einfach geniessen?»

Verdeckt nimmt der «Kassensturz»-Reporter zweimal an Treffen teil. Jeweils rund 80 Leute werden von Forever-Living-Verkäufern bearbeitet. Das ist haarsträubend, was hier geschieht. Da werden junge Leute hingelockt, mit dem Versprechen, dass sie ab heute das grosse Geld machen können.

Philipp Ritter – der Chefverkäufer

Anwesend an beiden Veranstaltungen war Philipp Ritter, die Nummer eins der Forever-Living-Verkäufer in der Schweiz. Bis 70‘000 Franken monatlich würde er verdienen, behauptete er. Und er will noch mehr: «Ich bin überzeugt, wenn das Konzept läuft, dann läuft es. Und natürlich will ich später auch Nummer eins weltweit anpeilen.»

Im Internet präsentiert Ritter gern sein Leben in Luxus. Zu verdanken hat er es einem Vergütungssystem, das allerdings verdächtig an ein Schneeballsystem erinnert. «Der Forever-Living-Products-Marketing-Plan ist einfach strukturiert und dennoch erstaunlich effizient», heisst es in einem Werbefilm.

Geschäftsgebaren muss betrachtet werden

«Kassensturz» zeigt diesen Peter Hettich, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität St. Gallen. Das Spannende sei, dass es in diesem Film vor allem um den Aufbau einer Vertriebsstruktur gehe.

«Das Produkt wird eigentlich gar nicht thematisiert. Interessant wird das Mitmachen erst, wenn man eine Pyramide von Mitarbeitern aufbaut, die dann für einen arbeiten. Dies scheint der Kernpunkt des ganzen Systems zu sein. Und das ist auch das Indiz, für ein Schneeballsystem.»

Forever Living bestreitet, ein Schneeballsystem zu betreiben. Der Anwalt von Philipp Ritter schreibt «Kassensturz»: «Die Thurgauer Staatsanwaltschaft hat … ausdrücklich festgestellt, dass das Vertriebssystem der Forever Living nicht gegen gesetzliche Vorgaben verstösst, insbesondere kein unlauteres Schneeballsystem (…) darstellt.»

Die Geschäftsrichtlinien sind sauber

Die Staatsanwaltschaft stützt sich dabei auf eine Untersuchung des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco. Dieses hatte allerdings lediglich die Geschäftssrichtlinien von Forever Living angeschaut. Ob sich die Firma tatsächlich an die Richtlinien hält, hat das Seco nicht untersucht.

Forever Living sagt: Es sei kein Schneeballsystem, weil man nur dank dem Verkauf von Produkten Geld verdienen kann. Doch gemäss Telefon-Leitfaden des Schulungszentrums in Dübendorf müssen Mitarbeiter bei der Anwerbung neuer Mitglieder genau das Gegenteil sagen: «Nein, es geht nicht um ein Verkaufsgeschäft.»

«Kassensturz» spricht mit einem Insider: Verdienen würde nur die Spitze der Pyramide bei Forever Living. Neueinsteiger blieben auf der Ware sitzen. Der Insider vermutet: «Mehr als die Hälfte der Leute zahlen nur, ohne dass sie verdienen.»

Auf den Waren sitzen geblieben

Der Verdacht: In Schweizer Abstellkammern lagern hunderte nicht verkaufter Forever-Living-Produkte. Wie bei Priska Näf: «Philipp Ritter hatte uns hoch und heilig versprochen, die Boxen zurückzunehmen. Zwei mal haben wir mit ihm telefoniert und ihn gebeten, die Ware zurückzunehmen. Wir sitzen aber noch heute auf ihr.»

Priska Näf hätte die Produkte nicht Ritter, sondern der Forever-Living-Zentrale zurückschicken müssen, sagt Philipp Ritters Anwalt. Davon haben die Näfs allerdings gar nichts gewusst.

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Zensuriert

Zensuriert

«Kassensturz» hatte mit Philipp Ritter, Nummer eins der Forever-Living-Verkäufer in der Schweiz, ein kurzes Interview gedreht. Doch im Nachhinein verbot Ritters Anwalt die Ausstrahlung. Hier geht's zum Interview.

Professor Peter Hettich von der Universität St. Gallen meint dazu: «Schriftlich festgehalten ist eine relativ grosszügige Rückgaberegelung. Bei allem hängt dies davon ab, wie es gelebt wird. Kann ich es effektiv zurückgeben, das Produkt, kann ich mich dem Lager entledigen oder bleibe ich darauf sitzen.»

«Kassensturz» kennt Fälle bei denen Leute mehrere tausend Franken investiert beziehungsweise verloren haben – weil sie die Produkte gekauft haben, welche sie nachher nicht losgeworden sind. Von einer Rückgabemöglichkeit wussten sie nichts. Wenn Neumitglieder Waren – trotz vertraglicher Zusicherung – nicht zurückgeben können, ist dies ein Hinweis auf ein mögliches Schneeballsystem.

Forever Living macht nach eigenen Angaben alleine in der Schweiz einen Umsatz von 14 Millionen Franken. Seit August hat «Kassensturz» dem Schweizer Chefverkäufer, Philipp Ritter, Fragen gestellt. Vergeblich. Der «Kassensturz»-Reporter versucht es deshalb in Dübendorf. Doch sein Anwalt verbietet nachträglich die Ausstrahlung des Interviews.