Behindertengleichstellungs-Gesetz ÖV: Es hapert bei der Umsetzung

Zehn Jahre hatten Bahn-und Busbetriebe Zeit, ihre Infrastruktur für seh-und hörbehinderte Menschen leichter zugänglich zu machen. Eine Umfrage des Dachverbands von Behinderten-Organisationen «AGILE» zeigt: Nur die Hälfte der Schweizer Transportunternehmen haben umgerüstet.

Ein blinder Mann mit Blindenstock in der Hand versucht einen Billettautomaten zu bedienen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Billettautomat: für Sehbehinderte nicht bedienbar. Ein Anruf an das Callcenter Handicap kann helfen. SRF

Stephan Hüsler ist Präsident von «AGILE» und selber stark sehbehindert. «Espresso» trifft sich mit ihm am Zürcher Hauptbahnhof. Immer dabei: Sein Blindenführerhund Dallas, der ihn ruhig durch die Menschenmenge führt und als Erstes einen Billettautomaten sucht. «Biletta!» lautet der Befehl, und der schwarze Labrador sucht aufmerksam.

Am Automaten mit Touch-Screen tastet Stephan Hüsler mit seinen Händen die Oberfläche ab: «Ich suche nun eine Öffnung für meine Kopfhörer, ähnlich wie bei der neuesten Generation von Bankomaten. Diese haben ein Audio-Programm für Blinde und Sehbehinderte, welches mir Anweisungen gibt, wie ich selbständig Geld beziehen kann.»

Mann mit Blindenstock und Blindenhund im Zürcher Hauptbahnhof. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Stephan Hüsler ist stark sehbehindert. Sein Blindenführerhund Dallas führt ihn sicher durch den Hauptbahnhof Zürich. SRF

«Audio-Guides gibt es bei den SBB nicht»

Schon bald wird klar, keiner der Automaten ist für eine solche Hörhilfe für Sehbehinderte ausgerüstet. Warum nicht? Reto Schärli, Mediensprecher der SBB erklärt: «Wir haben eine solche Funktion diskutiert, sind dann aber zum Schluss gekommen, dass wir darauf verzichten. Grund dafür ist, dass wir immer wieder mit Vandalenakten konfrontiert sind, und mit einer solchen Steckeröffnung für Kopfhörer steigt das Risiko einer mutwilligen Zerstörung.» Der betroffene Stephan Hüsler nimmt dies zur Kenntnis und meint: «Das ist nun mein Frust.» Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als ins SBB-Callcenter Handicap anzurufen und sich beim Lösen des Billetts helfen zu lassen.

Callcenter Handicap erntet viel Lob

Eine hervorragende Dienstleistung nennt Stephan Hüsler das SBB-Callcenter. Mitarbeiter haben die Möglichkeit, direkt auf den Billettautomaten zuzugreifen und das gewünschte Ticket zu liefern. «Aber eben, ich bin auf fremde Hilfe angewiesen, was einmal mehr meine Freiheit einschränkt», sagt Stephan Hüsler.

Neue Anzeigetafeln bei den SBB

In der Schweiz leben rund 320‘000 Menschen mit einer Sehbehinderung. «Sie sind darauf angewiesen, dass bei Anzeigetafeln die Schrift genug gross gewählt wird, oder dass der Kontrast auf den Bildschirmen stark ist. Nur so können sie mit ihrem Sehrest die Informationen lesen», erklärt Stephan Hüsler. Zurzeit läuft bei den SBB eine Ausschreibung für neue Anzeigetafeln und SBB-Sprecher Reto Schärli betont:« Wir arbeiten in der Evaluationsphase eng mit den Behinderten-Verbänden zusammen, um genau diesen Ansprüchen gerecht zu werden.»

Keine Lautsprecherdurchsagen bei den S-Bahnen auf dem Perron

Für den sehbehinderten Stephan Hüsler ist der Untergrund im Zürcher Hauptbahnhof eine Tabu-Zone. «Ich finde mich schlecht zurecht, vor allem auch, weil durch Bauarbeiten immer wieder Umleitungen nötig sind. Das grösste Problem sind aber die S-Bahnen. Erst kurzfristig wird entschieden, auf welchem Gleis sie einfahren. Es gibt keine Lautsprecherdurchsagen, und so riskiere ich, in den falschen Zug zu steigen.»

Ein blinder Mann versucht am Billettautomaten zurecht zu kommen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trotz Sehrest: Ein Billett lösen ist ohne Hilfe unmöglich. SRF

SBB-Sprecher Reto Schärli entgegnet: «Im Zug gibt es jedoch sofort Durchsagen, in welcher S-Bahn man sich befindet und man hat genug Zeit, noch auszusteigen. Wir haben die Lautsprecherdurchsagen auf den Perrons geprüft.» Allerdings sei man zum Schluss gekommen, dass es schlicht zu viele Durchsagen wären, und diese die Passagiere verwirren würden. Im Übrigen verweist er auf die Möglichkeit des Online-Fahrplans. Mit Hilfe eines Smartphones würden die aktuellen Gleisnummern kurzfristig vermittelt. Stephan Hüsler muss lachen und meint, da käme er wohl mit seinem alten Knochen von einem Handy nicht sehr weit.

«Ich hoffe auf die nächsten zehn Jahre»

Noch haben die Transportunternehmen in der Schweiz für die vollständige Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes Zeit. In einem zweiten Schritt in den nächsten zehn Jahren sollten vor allem die Barrieren für Menschen im Rollstuhl behoben werden. Das heisst: Es braucht vor allem bauliche Massnahmen in den Zügen, an den Bahnhöfen. Stephan Hüsler ist optimistisch: «Eigentlich freue ich mich auf diesen Moment, wo wir hier stehen und sagen können: Wow, wir haben es geschafft!»