Neue Pestizide im Gemüse: Schleichende Vergiftung

Wegen des Bienensterbens sind sie in Kritik geraten: Pestizide, die Hersteller mit dem Saatgut vermengen und die dann die gesamte Pflanze durchdringen. «Kassensturz» zeigt: Diese Insektengifte stecken in kleinen Dosen in Gemüse, Getreide und Früchten, die wir verspeisen.

Video «Neue Pestizide im Gemüse: Schleichende Vergiftung» abspielen

Neue Pestizide im Gemüse: Schleichende Vergiftung

9:11 min, aus Kassensturz vom 22.10.2013

Systemische Pflanzenschutzmittel, sogenannte Neonikotinoide, gelangen via Wurzel, Stiel und Blätter direkt ins Gemüse, zirkulieren im Kreislauf der Pflanze und bleiben dort.

Konsumenten essen das Gift. Zwar in kaum nachweisbaren Dosen – aber dafür regelmässig. Die Insektizide können in allen in der Landwirtschaft angebauten Produkten stecken.

Bereits das Saatgut wird mit Chemie getränkt

Zusatzinhalt überspringen

Radio-Tipp

Radio-Tipp

Im «Espresso» erklärt SRF-Biologe Andreas Moser die Auswirkungen der neuen Pestizide auf Natur und Mensch. Hier geht's zum Beitrag.

Was kaum ein Konsument weiss: Agro-Chemie-Firmen behandeln bereits das Saatgut mit Neonicotinoiden und tränken die Samen mit dem jeweils gewünschten Gift.

Während des Wachstums nimmt die Pflanze das Mittel auf. Es sind stabile, chemische Verbindungen, die sich kaum abbauen. Die Industrie liefert dieses Saatgut vor allem für Raps, Sonnenblumen und für Mais.

Grösstenteils spritzen Bauern die Neonicotinoide. Diese Insektizide sind je nach Organismus x-fach giftiger als das berühmt-berüchtigte DDT. Neonicotinoide werden nicht punktuell, sondern häufig präventiv angewandt.

Die Bauern von IP-Suisse verwenden Chemie so wenig wie möglich. IP-Suisse-Geschäftsführer Fritz Roten ist beunruhigt über den Einsatz von Neonicontinoiden: «Bei den Neonicontinoiden weiss man vieles nicht. Wir fordern, dass uns die Wissenschaft noch mehr Entscheidungshilfen liefert. Wir sind gebrannt von der Vergangenheit. Zum Beispiel als DDT aufkam, hat jeder gesagt, das macht nichts. Als man nachher die Zusammenhänge erkannt hat, hat man es nicht mehr eingesetzt. Das ist ein Paradebeispiel. Und es kann durchaus auch bei den Neonikotinoiden so sein.»

Leidtragende sind unter anderem die Bienen

Problematisch sind Neonicotinoiden auch für Bienen: Neonicotinoide erscheinen in minimen Mengen in der Polle. Wenige Milliardstel Gramm können eine Honigbiene töten. Wissenschaftlich ist noch ungeklärt, welche Rolle Neoncotinoide beim Bienensterben spielen. Wegen dem Insektizid, das als Nervengift wirkt, finden aber Bienen nicht zurück zum Stock.

Neonicotinoide sind seit den 90er-Jahren zugelassen. Doch jetzt kämen die Probleme ans Licht, sagt Jean-Marc Bonmatin, Chemiker des staatlichen Forschungsinstituts CNRS in Orléans: «Von Laborversuchen wissen wir, dass die Neurotoxide auf das zentrale Nervensystem von Insekten oder Säugetieren eine starke Wirkung haben. Wir wissen aber nicht, welche Auswirkungen diese Produkte in 10, 20, 30 oder 40 Jahren haben. So leben wir mit einem grossen Fragezeichen bei der Verwendung dieser Produkte und ich fürchte, dass wir böse Überraschungen erleben werden.»

150 Produzenten und Importeure haben ihre Gemüse, Früchte und Kräuter auf Neonicotinoide überprüfen lassen. Insgesamt 4300 Lebensmittel. Zehn Prozent enthielten giftige chemische Verbindungen.

Das Labor fand fünf Neonicontinoide. Zwar liegen die gemessenen Gift-Dosen praktisch immer unter dem Wert, der heute als kritisch gilt. Trotzdem beunruhigt das Resultat. Denn es beweist: Neonicotinoide stecken in der täglichen Nahrung.

Und: Studien belegen, dass die Insektizide Menschen schaden können. Bei Tierversuchen stören die Gifte das Immunsystem. Und sie sollen kanzerogen wirken.

Bundesamt für Gesundheit sieht keine Gefahr

Bei Babys sollen sie die Gehirn-Blut-Schranke durchdringen können. Neonicotinoide stehen im Verdacht, sich auf die menschliche Gesundheit, insbesondere auf die Entwicklung des Gehirns auszuwirken.

Mit diesen Studien hat «Kassensturz» das Bundesamt für Gesundheit dokumentiert. Michael Beer, Leiter Lebensmittelsicherheit des BAG, gibt Entwarnung:

«Für Konsumentinnen und Konsumenten besteht kein Grund zur Sorge. Bei diesen aktuellen Diskussionen um den Einsatz von Neonicotinoiden geht es prinzipiell um die Bienengesundheit. Für die Beurteilung von Rückständen, die in Lebensmitteln vorkommen könnten, liegen uns Daten vor. Und die zeigen, dass die Gesundheit der Konsumentinnen und Konsumenten nicht beeinflusst wird.»

Noch dieses Jahr werden verschiedene Pestizide verboten

Einer der grössten Produzenten von Neonicotinoiden ist der Schweizer Agro-Chemiekonzern Syngenta. Die Problematik von Rückständen sei bekannt, sagt Syngenta. Denn heute kommen allgemein diverse Rückstände in vielen Lebensmitteln vor. Syngenta schreibt: «Das Auftreten von Neonicotinoiden in Lebensmitteln ist daher für uns grundsätzlich nicht überraschend. Rückstände in Gemüsen und Früchten unter dem zulässigen Grenzwert sind nicht beunruhigend.»

Der deutsche Chemiekonzern Bayer, ebenfalls Produzent von Neonicotinoiden, schreibt: Die Konzentration dieser Rückstände sei derart gering, dass sie auch auf lange Zeit für den Menschen unbedenklich seien.

Am Beispiel Raps zeigt sich, wie stark Neonicotinoide verbreitet sind. Bis vor kurzem gab es auf dem Markt praktisch nur chemisch veränderte Samen. Das heisst: Die Bauern hatten keine Wahlmöglichkeit mehr und mussten diesen Raps verwenden.

«Wenn wir die Verantwortung für die von uns produzierten Nahrungsmittel tragen müssen, dann wollen wir auch auswählen können, was wir sähen und wie dieses Samenkorn behandelt worden ist», sagt Fritz Rothen, Geschäftsführer IP-Suisse.

Dass nicht immer alles läuft, wie sich Wissenschaftler ausdenken, zeigt nun ein Entscheid der Europäischen Union, den die Schweiz übernimmt. Ab 1. Dezember 2013 sind drei zugelassene Neonicotinoide wieder verboten. Sie stehen im Verdacht, am Bienensterben mitbeteiligt zu sein.