Obligatorische Fahrkurse für Neulenker sind auf der Kippe

Junglenker müssen nach der Fahrprüfung zwei obligatorische Kurse absolvieren. Im Schnitt kosten diese 700 Franken. Doch: Die Wirkung der Kurse ist fraglich. Diese Woche entscheidet das Parlament über die Abschaffung. «Kassensturz» weiss: In der jetzigen Form sind die Kurse ein Auslaufmodell.

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Umstrittene Neulenkerkurse: Teures Obligatorium ohne Wirkung?

12 min, aus Kassensturz vom 18.3.2014

«Was nichts bringt, ist nichts wert!» FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen hält sich nicht zurück mit Kritik an den obligatorischen Fahrkursen für Neulenker. Er bezieht sich dabei auf eine Evaluation der Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU: «Diese Studie der BfU zeigt klar, dass diese Kurse keinen Einfluss haben auf den künftigen Fahrstil. Beziehungsweise das Risikoverhalten nach diesen Kursen ist nicht beeinflussbar.» Deshalb fordert die FDP in einer Motion die Abschaffung der Kurse.

Darum geht es: Derzeit haben 260‘000 Neulenker in der Schweiz erst einen Fahrausweis auf Probe. Sie alle müssen in die sogenannten WAB-Kurse absolvieren. WAB steht für Weiterausbildung. Über vierzig Kursanbieter gibt es schweizweit. Die BfU hat vom Bundesamt für Strassen den Auftrag erhalten, die gesamte Fahrausbildung zu analysieren, seit 2005 in der heutigen Form mit dreijähriger Probezeit und obligatorischen Kursen.

Viel Geld für umstrittene Wirkung

Die Weiterbildungskurse kommen dabei nicht gut weg: Es seien nur zwei von acht Zielen erreicht worden, sagt Stefan Siegrist, Vize-Direktor der BfU. Abschaffen müsse man sie deswegen aber nicht. «Wir wollen diese Kurse verbessern.Wir können die Kurse kürzer und günstiger machen.» Der BfU schwebt vor, aus zwei Kursen einen zu machen.

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Das ist auch nötig. Neulenker bezahlen pro Kurs im Schnitt 350 Franken Kursgebühr. Insgesamt bezahlen Neulenker jedes Jahr geschätzt über 50 Millionen Franken. Und dies für Kurse mit umstrittener Wirkung. Die Studentin Yuvviki Dioh aus Zürich berichtet von einem fragwürdigen Kurselement am zweiten Kurstag, der Feedback-Fahrt.

Ein Fahrlehrer und drei Kursteilnehmer sitzen dabei zusammen in einem Auto. Die Neulenker sitzen abwechselnd 45 Minuten am Steuer. Die anderen Insassen beobachten und notieren. Am Ende geben sie sich gegenseitig Rückmeldungen zu Fahrstil und Fahrverhalten. Für Yuvikki Dioh war dieser Kurs mit 450 Franken unverhältnismässig teuer: «Es ist vorgekommen, dass zwei hinten eingeschlafen sind, weil es langweilig war. In Bezug auf den Preis weiss ich nicht, ob sich das wirklich lohnt.»

Ausbildung soll verbessert werden

Sie zieht die Kurse insgesamt in Zweifel, obwohl es auch lehrreiche Lektionen gab. Zum Beispiel jene über umweltgerechtes Fahren oder die Einschätzung des richtigen Abstandes. Dass Kursteilnehmer auch positive Rückmeldungen geben, betont Silvio Barfuss. Er ist Geschäftsführer des Fahrzentrums Lyss und Vertreter der IG WAB, der Interessengemeinschaft der Kursveranstalter.

Vier von fünf Kursteilnehmern würden bei Befragungen antworten, sie hätten etwas gelernt, das sie auch im Fahralltag nutzen könnten. Eine Abschaffung der Kurse komme deswegen nicht in Frage. Die Kosten der Kurse seien nicht aus der Luft gegriffen: «Wegen der gesetzlichen Auflagen an die Infrastruktur und die Kursinhalte haben wir hohe fixe und variable Kosten.» Deshalb könne man die Kurse nicht günstiger anbieten.

Stefan Siegrist von der BfU glaubt hingegen, dass die Kurse optimiert werden können. Der Bund überarbeitet derzeit die gesamte Fahrausbildung. Er hat schon genaue Vorstellungen, wie die Fahrausbildung in der Schweiz in Zukunft verbessert werden soll.

Details dazu im Gespräch im «Kassensturz»-Studio.

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Studiogespräch mit Stefan Siegrist von der BfU

5:23 min, aus Kassensturz vom 18.3.2014