Arztlöhne: Spezialisten treiben die Prämien hoch

Spezialärzte belasten das Gesundheitssystem mit unnötigen Kosten. Sie haben die höchsten Löhne und konnten ihre Umsätze in den letzten Jahren überdurchschnittlich steigern. Jetzt macht sich Widerstand breit. Politiker und Hausärzte verlangen eine Kürzung der Spezialisten-Tarife.

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Arztlöhne: Spezialisten treiben die Prämien hoch

13 min, aus Kassensturz vom 16.3.2010

Der Ärztetarif «Tarmed» hat versagt. Es wurde vor sechs Jahren mit dem Versprechen eingeführt, die Einkommen der Grundversorger zu stärken. Der Ärztetarif sollte das Gespräch beim Hausarzt gegenüber technischen Leistungen aufwerten. Doch das ist nicht eingetreten. Operativ tätige Ärzte verdienen im Schnitt 46 Prozent mehr, das zeigt die neue Einkommensstatistik des Ärzteverbandes FMH. Ein Neurochirurge verdient im Durchschnitt 428‘000 Franken im Jahr, ein Augenarzt 335‘000 Franken, ein Urologe 312‘000. Ein Hausarzt dagegen 193‘000 Franken.

Umverteilung gefordert

«Es ist ganz klar, dass es Tarifpunkte bei den Spezialisten gibt, die überzahlt sind. Das muss man korrigieren», fordert Marc Müller, Präsident von Hausärzte Schweiz. Er bekommt Unterstützung von der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK. «Das Abgeltungssystem bevorzugt die Spezialisten und ist nicht sehr attraktiv für die Grundversorger», sagt der Basler Gesundheitsdirektor Carlo Conti. «Die Leistungen der Ärzte sollten gleich bewertet werden, egal, ob es ein Spezialist ist oder ein Hausarzt.» Conti fordert eine Umverteilung der Einkommen von den Spezialisten hin zu den Hausärzten.

Dieses Ungleichgewicht zwischen Allgemeinärzten und Spezialisten hat Folgen für die Prämienzahler. Mehrere Untersuchungen bestätigen einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Spezialisten in einer Region und Höhe der Krankenkassenprämien. «In den Kantonen, wo es eine hohe Facharztdichte gibt, sind die Gesundheitskosten tendenziell höher. Ohne, dass man nachweisen könnte, dass der Gesundheitszustand der Bevölkerung besser ist», sagt Wirtschaftsprofessor Tilman Slembeck. In der Schweiz haben die Patienten fast uneingeschränkten Zugang zu den Leistungen der Spezialärzte. Das treibe die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe.

Zum Beispiel: In den Kantonen St. Gallen, Zürich und Basel-Stadt praktizieren unterschiedlich viele Spezialisten. In Basel sind es 245 Ärtze pro 100‘000 Einwohner, das ist drei Mal soviel wie in St. Gallen. Und so sehen die durchschnittlichen Krankenkassenprämien aus. Im Kanton St. Gallen zahlen die Versicherten im Schnitt 2120 Franken im Jahr, im Kanton Zürich 2570 Franken – und im Basel, wo die Spezialarztdichte am höchsten ist, zahlen die Versicherten die höchsten Prämien, nämlich 3580 Franken. Der Experte erklärt warum: «Dort, wo die Dichte der Fachärzte besonders hoch ist, ist der Anreiz dementsprechend gross für die Ärzte, die Patienten mehr aufzubieten und Therapien zu verschreiben, die vielleicht nicht unbedingt zwingend wären.» Dadurch generiere der Arzt zusätzliches Einkommen, was zu höheren Kosten für das Gesundheitssystem führe.

Den Zugang erschweren

Experten sind sich einig: Hausärzte sollen in Zukunft vermehrt als sogenannte «Gatekeeper» eingesetzt werden. Er soll den Patienten – falls nötig – zu den Spezialisten überweisen. Der freie Zugang zu den teuren Spezialisten muss erschwert werden. Das hilft Prämien sparen. Eine Umverteilung im Rahmen des Ärztetarifs «Tarmed» würde die Hausärzte stärken. Der Präsident des Verbands Hausärzte Schweiz ist überzeugt: «Eine Stärkung der Hausarztmedizin nützt dem Prämienzahler.»