Der Fall Paul Sahli steht auf der Kippe

Eigentlich ist es ein klarer Fall: Paul Sahli war fit und arbeitete voll. Dann wurde er unschuldig in einen Verkehrsunfall verwickelt. Jetzt ist er arbeitsunfähig. Und doch muss er befürchten, nicht zu seinem Recht zu kommen.

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Invalid nach Autounfall: Unter den Rädern der Justiz

7:31 min, aus Kassensturz vom 3.9.2013

Paul Sahli ist verzweifelt. Vier Jahre nach seinem Unfall muss er immer noch um sein Recht kämpfen. «Die Suva hat uns in den letzten vier Jahren alles genommen. Nicht nur finanziell, auch sonst.» Nach allem was, sie in den letzten Jahren erlebt haben, fällt es Sahlis Frau Klara schwer, noch an Gerechtigkeit zu glauben: «Ich weiss nicht, ob es die gibt.»

Zur Erinnerung: Die Wirbelsäule von Paul Sahli ist seit seiner Jugend massiv verkrümmt, eine sogenannte Skoliose. Doch mit viel Training und unglaublicher Disziplin konnte Sahli damit schmerzfrei leben. Mehr als das: Er vollbrachte als weltbester Fussballjongleur Spitzenleistungen. Er ist Inhaber zahlreicher Rekorde im «Guiness-Buch der Rekorde», er war diverse Male Gast bei «Wetten dass» und erst kurz vor seinem Unfall auch bei den Olympischen Spielen in Peking.

Suva zahlt nicht mehr

Paul Sahli hat immer gearbeitet. Zuletzt in den Industriewerken Olten der SBB. Dort verrichtete er auch körperlich schwere Arbeiten. Problemlos, bestätigen Kollegen.

Bis zu seinem Unfall im Sommer 2009. Bei einer Autobahnbaustelle stand er im Stau. Ein Lieferwagen raste mit 100 Stundenkilometern in die hintere linke Ecke seines Wagens. Der Opel Corsa wurde 25 Meter nach vorne katapultiert.

In der Folge musste Paul Sahli seine Arbeit aufgeben, er konnte vor Schmerzen kaum noch schlafen, musste zur Therapie. Doch die Suva, die gesetzliche Unfallversicherung, stellte nach einem Jahr ihre Zahlungen ein. Sahlis heutiger schlechter Gesundheitszustand sei nicht auf den Unfall zurückzuführen, behauptet die Suva. Er wäre heute auch ohne diesen Vorfall in so schlechter Verfassung. Die Folge: Sahli verlor fast die Hälfte seines Einkommens. «Kassensturz» hat darüber berichtet.

Spezial-Arzt kann Suva-Begründung nicht verstehen

Der renommierte Wirbelsäulenspezialist Prof Max Aebi hat Sahli untersucht. Für ihn ist klar: Der Zusammenstoss hat das Unfallopfer aus dem körperlichen Gleichgewicht geworfen. Überhaupt nicht einverstanden ist Aebi mit der Argumentation der Suva, Sahli würde es auch ohne Unfall so schlecht gehen.

Also ein klarer Fall. Dennoch ist der Ausgang vor Gericht höchst ungewiss. Paul Sahli reichte gegen den Suva-Entscheid Beschwerde ein. Sein Anwalt Remy Wyssmann verlangte ein medizinisches Gutachten, er verlangte die Befragung von Sahli vor Gericht, er verlangt die Befragung von Professor Aebi – doch das Gericht lehnte ab.

Begründung: Der Sachverhalt sei dokumentiert und «neue beweismässige Erkenntnisse sind weder notwendig noch aus weiteren Erhebungen zu erwarten.» Erst nach Wyssmanns Plädoyer und nachdem «Kassensturz» die Argumentation der Suva kritisiert hatte, waren die Richter bereit, ein Gutachten zu bestellen.

Dieses Gutachten liegt nun auf dem Tisch. Es ist ein Schlag ins Gesicht von Paul Sahli: «Als das Gutachten gekommen ist, sind wir aus allen Wolken gefallen. Wir haben gedacht, das kann nicht sein, das ist ein Witz, denn im Gutachten sprechen Dreiviertel für mich, aber die entscheidenden Antworten am Schluss sprechen dann gegen mich.»

Gutachten für Gericht ist widersprüchlich

«Kassensturz» hat das Gutachten studiert. Es scheint tatsächlich widersprüchlich. Die Gutachter schreiben zwar, bei einer so hochgradigen Skoliose könne bereits ein einfaches «Bagatelltrauma» eine Dekompensation auslösen. Doch ausgerechnet im Fall des bis zum Autounfall sportlichen und schwer arbeitenden Sahli kommen die Gutachter auf den letzten Seiten dennoch zum Schluss, es sei «zwar möglich aber nicht überwiegend wahrscheinlich», dass der Unfall den Gesundheitszustand entscheidend verschlimmert habe.

Für die Sahlis ist das Gutachten eine Katastrophe. Sie fühlen sich machtlos und ausgeliefert. Umso mehr, als sogar der Gutachter selber, Professor Boos sagt, es basiere auf einer lückenhaften Aktenlage. Norbert Boos hat Paul Sahli einen Brief geschrieben. Er schreibt, die Aktenlage sei «für die ersten drei Monate nach Ihrem Unfall unvollständig und lückenhaft.» Deshalb habe das Gutachten nicht anders ausfallen können.

Sollte das Gericht sich nur auf die letzten Seiten des Gutachtens stützen – also lediglich die Antworten der Gutachter auf die konkreten Fragen des Gerichts beachten und nicht das Gutachten als Ganzes – dann hat Sahli verloren. Und die Gefahr ist real. Denn Sozialversicherungsfälle sind ein Massengeschäft. Oft lehnen Versicherungen Ansprüche erst einmal mit stereotypen Argumenten einfach ab. Nur wer sich einen Anwalt leisten kann oder wie Sahli eine Rechtsschutzversicherung hat und auf Richter trifft, die seinen Fall als Einzelfall betrachten und in die Details gehen, hat Chancen auf eine gerechte Beurteilung.

Fehler auf Kosten des Invaliden

Paul Sahlis Anwalt, der Sozialversicherungsspezialist Remy Wyssmann aus Oensingen, hat dies oft genug erlebt. Wenn die Behörden ihre Arbeit nicht richtig machen und die Gerichte nicht genau hinsehen, dann gehe das auf Kosten der Betroffenen. Wyssmann: «Das ist ein heikler Moment. Es ist genau das passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Das Gericht hat Prof Boos als medizinischen Fachmann vertraut, dass er sämtliche Informationen selbständig einholt, die er braucht, um ein gutes Gutachten zu machen. Und Professor Boos hat offenbar dem Gericht vertraut, dass das Gericht ihm sämtliche Unterlagen schickt, die er braucht.»

Dass der Gutachter dem Begutachteten einen persönlichen Brief schreibt und eingesteht, die Aktenlage sei «unvollständig und lückenhaft», das hat Anwalt Wyssmann noch nie erlebt.

Für den Aussenstehenden ist schwer vorstellbar, dass ein Gericht auf dieser Basis ein Urteil fällen kann.

Lückenhafte Aktenlage könnte zum Verhängnis werden

Noch hat das Gericht nicht entschieden. Paul Sahli bleibt im Moment noch die Hoffnung, dass die Richter in Solothurn genau hinschauen.

Professor Norbert Boos hat von «Kassensturz» einen Fragenkatalog erhalten. Doch Boos geht auf die Fragen nicht ein. Er will sich wegen des laufenden Verfahrens nicht äussern. Er schreibt «Kassensturz» nur ein paar Sätze: «Wir haben grosses Verständnis, dass unser multidisziplinäres Gutachten für Herrn Sahli enttäuschend und von Nachteil ist. Aufgrund der lückenhaften Aktenlage in den ersten Monaten nach dem Unfall konnten wir aber zu keiner anderen Beurteilung kommen als sie jetzt schriftlich vorliegt.»

Auch das Versicherungsgericht Solothurn und die Suva nehmen keine Stellung.