Gebiss weg – wer zahlt?

Es kommt oft vor, dass alte Leute im Altersheim ihr Gebiss, ihr Hörgerät oder die Brille verlieren. Wer aber bezahlt den Ersatz für bedürftige Patientinnen und Patienten? Häufig beginnt ein unwürdiger Bittstellergang von Behörde zu Behörde.

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Gebiss weg – wer zahlt?

Tosca Hänzi ist 94 Jahre alt. Sie lebt in einem Basler Alters- und Pflegeheim. Frau Hänzi ist halbseitig gelähmt. Vor einigen Wochen hat sie ihre Zahnprothese verloren. Ihr Beistand vermutet, dass diese zusammen mit Papier-Taschentüchern im Abfall landete. Gilbert Pünter, der die alte Frau als Beistand betreut, fragte sich nun, woher er ein Ersatzgebiss erhalten kann. Tosca Hänzi selbst hat kein Geld, die monatlichen Heimkosten werden von der Krankenkasse und der Sozialhilfe bezahlt.

Versicherung zahlt nicht

Ein erster erfolgloser Anlauf nahm Beistand Pünter bei der Haftpflicht- und Hausratsversicherung des Heims. Diese lehnte eine Haftung jedoch ab. Und Christoph Zenger, Lehrbeauftragter für öffentliches Gesundheitsrecht an der Universität Bern, bestätigt: «Das Heim haftet für die persönliche Fürsorge und Obhut, nicht aber für den Privatbereich der urteilsfähigen Heimbewohner in ihren Zimmern.»

Nun versuchte es Tosca Hänzi’s Beistand bei weiteren Behörden. Dabei blitzte er aber der Reihe nach ab: «Die Sozialhilfe schickte mich zu der IV. Die IV verwies auf die Pro Senectute und so weiter…» Und nun fragte sich Gilbert Pünter, ob Frau Hänzi für den Rest ihres Lebens püriert essen muss, nur weil ihr niemand eine neue Zahnprothese bezahlt.

Ein strukturelles Problem

Gesundheitsexperte Christoph Zenger wundert sich nicht. Er spricht von einem strukturellen Problem: «Es kommen in solchen Fällen ganz viele verschiedene Finanzierungsquellen in Frage, private, kommunale, kantonale und eidgenössische Stellen. Und das überfordert viele Betroffene und ihre Angehörigen.»

Offenbar fehlen geeignete Beratungsstellen, doch eines ist klar: Es gibt ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Und zu den Grundlagen eines Lebens gehört, dass man kommunizieren und essen kann! Letztlich ist die Sozialhilfe für die Finanzierung zuständig. Diese hat nach erneutem Anlauf von Tosca Hänzi’s Beistand Gilbert Pünter nun in Aussicht gestellt, nach Prüfung der Unterlagen, diese neuen dritten Zähne tatsächlich auch zu bezahlen.