SBB dreht am Schalter fragwürdige ÖV-Versicherung an

Dass einem als Konsument an der Haustüre oder an Messen Dienstleistungen aufgedrängt werden, die man eigentlich nicht will, ist ein bekanntes Übel. Nun muss man sich auch noch am SBB-Schalter gegen unnötige Produkte wehren. Konkret: Eine ÖV-Versicherung von ELVIA. Der Experte rät vom Abschluss ab.

Regula Aegler wollte am SBB-Bahnhof in Dornach im Kanton Solothurn nur eines: Für die ganze Familie Abonnemente kaufen, inklusive zwei 1. Klass-GAs für sich und ihren Mann.

Kurz vor dem Zahlen kommt der SBB-Schalterangestellte plötzlich auf eine Versicherung zu sprechen, die sie zusätzlich abschliessen könne.

Zum Beispiel gegen Zugsverspätungen oder gegen Diebstahl des Reisegepäcks. Es sei «ein sehr gutes Angebot», eine spezielle Offerte der SBB, die viele Leute abschliessen würden. Und: Das rentiere sich auf jeden Fall.

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Unter Druck ÖV-Versicherung abgeschlossen

Regula Aegler ist nicht wohl bei der Sache. Sie fühlt sich überrumpelt. Doch als die Schlange hinter ihr länger und länger wird, fühlt sie sich unter Druck und willigt ein. Sie zahlt 54 Franken für den ELVIA Schutzbrief, für sich und ihren Mann. Sie weiss: «Ich hätte nein sagen sollen.»

Schon beim Weglaufen ärgert sich Regula Aegler über sich – aber vor allem über die SBB. Dass einem am Bahnschalter noch schnell eine Versicherung aufgeschwatzt wird, ist für sie unseriös.

Für SBB und Allianz «kein Problem»

Eine Beratung erfolge am Bahnschalter immer, teilt die SBB auf Anfrage des Konsumentenmagazins «Espresso» auf SRF 1 mit. Auch Allianz Global Assistance, die Versicherung hinter dem ELVIA Schutzbrief, will von fehlenden Informationen und schlechter Beratung nichts wissen.

Die SBB-Angestellten verfügten über einen Informations-Flyer, den sie abgeben könnten. Und der Kunde erhalte beim Kauf des ÖV-Schutzbriefes die Police mit den Allgemeinen Versicherungsbestimmungen (AVB), sagt Andreas Keller von Allianz Global Assistance. «Der Kunde kann die AVB aber auch vor dem Abschluss verlangen. Er kann diese dann vor Ort lesen, wenn er will. Das ist überhaupt kein Problem.»

Rücktrittsrecht bei mangelnder Beratung

Regula Aegler aus Arlesheim im Kanton Basel-Land sieht das anders. Sie hatte am Schalter keine Möglichkeit, die Unterlagen genauer zu studieren. Als sie die Vertragsbedingungen zu Hause in Ruhe durchliest, ärgert sie sich gleich doppelt.

Ihr bringt der ELVIA Schutzbrief nichts: «Ich habe bereits Versicherungen, die das gleiche abdecken. Diese sind zudem viel besser als das Angebot der SBB.»

Als Regula Aegler am Bahnschalter die für sie nutzlose ÖV-Versicherung zurückgeben will, beisst sie jedoch auf Granit. Erst als sich das Konsumentenmagazin «Espresso» einschaltet, krebst die SBB zurück.

Wenn man sich beim Schalterverkauf schlecht beraten fühle, könne man vom Vertrag zurücktreten, so regle es das Gesetz. Die SBB will der «Espresso»-Hörerin deshalb den vollen Betrag zurückerstatten.

«Unnötige Versicherung»

Wie nützlich ist dieser ELVIA Schutzbrief generell? Das Konsumentenmagazin «Espresso» legte die Bedingungen dem Versicherungsexperten Stefan Thurnherr vom Vermögenszentrum vor. Sein Urteil: «Das gehört definitiv in die Kategorie unnötige Versicherungen.»

Entweder seien die versicherten Leistungen schon über die Hausratversicherung gedeckt, oder aber es brauche sie nicht.

Zugsverspätungen – erst ab 2 Stunden

Eine Versicherung gegen Zugverspätungen beispielsweise – das klingt gut, ist jedoch unnötig. Denn gezahlt wird erst ab einer Verspätung von zwei Stunden bei Verbindungen innerhalb der Schweiz. Etwas, das so gut wie nie vorkomme, räumt die SBB auf Anfrage von «Espresso» ein.

Ebenfalls unnötig ist die Versicherung gegen Kreditkartenbetrug: Wer nicht grobfahrlässig handelt, ist diesbezüglich durch seine Bank abgesichert.

Doppelt versichert

Auch Ausweisdiebstahl, Raub der Handtasche oder Verlust des Hausschlüssels muss man nicht zusätzlich versichern, denn dies ist in der normalen Hausratversicherung bereits enthalten. Für Stefan Thurnherr vom Vermögenszentrum ist der Fall klar: «Diese Versicherung lohnt sich für niemanden. Da profitieren einzig die Versicherungsgesellschaft und die SBB.»

Andreas Keller von Allianz Global Assistance widerspricht. Die Versicherung lohne sich schon nur deshalb, weil mit dem ELVIA ÖV-Schutzbrief im Falle eines Diebstahls kein Selbstbehalt von 200 Franken wie bei der Hausratversicherung gelte.

Versicherung gilt nur im ÖV

Der Haken: Gedeckt ist man vom ELVIA Schutzbrief nur im öffentlichen Verkehr. Sobald man aussteigt, erlischt die Deckung. Um sich zu Hause und auswärts, im Zug und im Auto abzusichern, sollte man das deshalb besser über die Hausratsversicherung tun, so der Rat des Experten.