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Wildblumen-Saatgut im Test: Nicht alle fördern die Biodiversität
Aus Kassensturz vom 15.06.2021.
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Blumen für die Fauna Wildblumen-Saatgut im Test: Nicht alle fördern die Biodiversität

Zwölf Saatgut-Mischungen aus dem Handel wurden unter wissenschaftlicher Aufsicht geprüft. Viele fallen durch.

Erstes Testkriterium: Ist in den Packungen drin, was darauf steht? «Bei vier der zwölf Mischungen ist nur ein kleiner Teil der Arten gekeimt, die auf der Verpackung angegeben sind. Das kann zwei verschiedene Gründe haben: Einerseits kann es bedeuten, dass der Anteil der Samen in der Mischung sehr gering ist, oder die Qualität der Samen ist schlecht», erklärt Pflanzenökologin Deborah Schäfer.

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Deborah Schäfer, Pflanzenökologin: «Bei vier der zwölf Mischungen ist nur ein kleiner Anteil der Arten gekeimt, die auf der Verpackung aufgelistet waren.»
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WeiteresTestkriterium: Wie gut ist die Artenvielfalt der Saatmischungen? «Bei vielen Mischungen sind viele Arten gesprossen. Es ist aber wichtig, dass auch Gräser dazu gemischt werden. Wenn nur Blumen wachsen, ist das ein kurzes Feuerwerk, ohne Wiederholung im Folgejahr. Die Gräser geben dem Ganzen eine Struktur, welche über die Jahre hält. Ich würde sagen, die Hälfte hat das erfüllt, die andere nicht», betont Artenspezialist Stefan Eggenberg.

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Stefan Eggenberg, Artenspezialist: «Wichtig ist, dass die Mischungen Gräser enthalten, sonst ist es ein kurzes Feuerwerk.»
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Problematische Arten

Stammt das Saatgut aus der Schweiz und hat es problematische Arten? Die gute Nachricht: In den Mischungen befinden sich grösstenteils einheimische Arten. Aber: «Es hat auch Mischungen, welche fast ausschliesslich aus nicht einheimische Arten bestehen. Arten also, welche Schäden anrichten können, weil sie einheimische Pflanzen verdrängen», kritisiert Juror Stefan Eggenberg.

Testtabelle

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Testtabelle

Hier geht es zu den detaillierten Testresultaten.

Wie gut sind die Saatmischungen für Insekten und Vögel?

«Es gibt keine Mischung in unserem Test, auf die überhaupt nichts fliegt», sagt Daniel Ballmer. Allerdings seien einige nur für Honigbienen und andere unspezialisierte Bestäuber attraktiv. «Dann gibt es aber Mischungen, die mehr liefern für die Fauna, also auch für Schmetterlinge, Vögel, Käfer oder für seltenere Insekten.»

Von schlecht bis sehr gut

Quedlinburger schneidet in der Gesamtbewertung am schlechtesten ab. Ungenügende Gesamtbewertung auch für die Samenmischungen von Zollinger, Samen-Mauser, und Jardin Royal.

So wurde getestet:

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Der Test beginnt im Juni 2020: In der Anlage des botanischen Gartens Bern bereitet die Pflanzenökologin Deborah Schäfer die Prüflinien vor: Insgesamt 144 Töpfe sorgen für das wissenschaftlich korrekte Testresultat, 12 Töpfe pro Saatmischung. «Für den Test benutzen wir sterile Erde. Würden wir Erde benutzen, in der zuvor schon Pflanzen gewachsen sind, wachsen da plötzlich Arten, die schon zuvor dort waren. Und wir haben zusätzlich Töpfe, in die wir keine Mischungen eingesät haben, damit wir nachvollziehen können, welche Samen durch die Luft in die Töpfe gelangt sind.»

In den Saatgut-Mischungen befinden sich auch sogenannte Kaltkeimer. Das heisst, sie brauchen eine Kälteperiode, also einen Winter, damit sie überhaupt zu Keimen beginnen. Deshalb trifft sich die «Kassensturz»-Jury erst ein Jahr nach der Ansaat zum Test, im Juni 2021:

  • Deborah Schäfer, Pflanzenökologin am botanischen Garten der Universität Bern.
  • Stefan Eggenberg, Direktor von Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum zur Wildflora.
  • Daniel Ballmer, Pflanzenökologe und Gründer der Biodiversitäts-Plattform Floretia.

Nach folgenden Kriterien hat die Jury die 12 Saatmischungen bewertet:

  • Stimmt die auf der Verpackung angegebene Saatmenge pro Fläche?
  • Ist drin, was auf der Verpackung drauf steht?
  • Artenvielfalt/Ausgewogenheit der Mischung?
  • Taugt die Mischung für Schweizer Gärten im Mittelland?
  • Wert für Insekten und Vögel?
  • Stammt das Saatgut aus der Schweiz? Handelt es sich um Schweizer Ökotypen?
  • Hat es problematische Arten (z.B. Neophyten)?

Eine genügende Gesamtbewertung erhält die «Wildblumen-Trockenwiese» von Select, die «Blumenwiese Flora Suisse» aus dem Bauhaus, sowie Bodensee-Blütenträume mit ihrer Mischung «Wildblumenzauber Bio».

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Daniel Ballmer, Pflanzenökologe: «Wir haben auch die Saatmenge pro Fläche angeschaut – ein Punkt, bei dem die Hersteller sparen können.»
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Sehr gut und damit am besten im Test: Die «Artenreiche Wildblumenwiese» von UFA/Fenaco, gekauft in der Landi und von Artha-Samen die «Wildblumenmischung sonnig». Beide Produkte bestechen durch ausgewogene und artenreiche Mischungen mit viel Nutzwert für Tiere und Insekten.

Das sagen die Hersteller der Saatgutmischungen zum Test:

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Quedlinburger: «In der Mischung sind einjährige, zweijährige und ausdauernde Arten enthalten. Besonders bei Wildblumen ist es so, dass die Samen erst nach längerer Zeit und über einen längeren Zeitraum verteilt keimen. Unser Hinweis auf der Dose besagt: Die Samen sind für die Ausbringung im Hobbygarten vorgesehen. Sie sind also nicht für Ausbringung in der freien Natur gedacht ergo auch nicht für das schweizerische Mittelland! Deshalb ist auch der Kommentar zu problematischen Arten nicht sinnvoll. Die Wildblumenmischung hat natürlich, obwohl sie nicht speziell zum Zweck der Förderung von Insekten formuliert wurde, nicht nur für Wildbienen, sondern auch für viele andere Insekten einen Wert. Wir verweisen z.B. auf Kornblumen, Schafgarbe, Ringelblumen, die auch von Hummeln und Schmetterlingen besucht werden. Außerdem weisen wir auf unsere speziell formulierten Mischungen z.B. für Schmetterlinge oder für Bienen und Hummeln hin, die wir außerdem in unseren Sortimenten führen.»

Zollinger: «Ich liebe diese Mischung! Für mich eine gute Balance fürs Blumenbeet: vielfältig, ausdauernd und pflegeleicht. Jahr für Jahr erfreue ich mich an der farbenvollen Blütenpracht.»

Samen Mauser: «Der Name Wiesenblumenmischung sagt bereits, dass die Mischung ‹nur› Blumensamen enthält also keine komplette Wiesenmischung ist inkl. Grassamen. Sie ist nicht flächendeckend gedacht sondern als Bereicherung von artenarmen Wiesen/Rasen. Es wird nirgends behauptet, dass es sich um CH-Ökotypen für das Mittelland handelt. Auch nicht, dass es sich um einheimische oder Schweizer Pflanzen handelt. Für diesen Zweck haben wir tolle, andere Mischungen, welche diese Anforderung erfüllen. Für fundamental ökologische Kriterien z.B. nach Floretia haben wir eine spezialisierte Floretia Mischung im Programm.»

Jumbo (Jardin Royal): «Jardin Royal ist eine Blumenwiese mit Wildblumen-Saatgut aus der Schweiz und 4 Grasarten, mit einem guten Preis/Leistungsverhältnis (40 Rp. pro m2). Über 5 – 6 Jahre vermehren sich die Wildblumen bei entsprechender Pflege und passendem Standort durch Versamen, so dass der Blumenanteil im Laufe der Jahre zunimmt und sich eine schöne und an den Standort angepasste Blumenwiese entwickelt.

Es ist natürlich und normal, dass im ersten Jahr nicht alle Blumen sichtbar sind. Einige Bodenbedeckung und eine geschlossene Grasnarbe. Dies ist ein typisches Merkmal einer auf den Consumer ausgerichteten Mischung, da sich so weniger Fremdarten (inkl. Unkraut) in der angesäten Mischung etablieren können.»

Select (Wyss): «Wir werden die Mengenangaben der Mischung überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Die Namensgebung mit ‹Trockenwiese› werden wir hinterfragen, da die Mischung keine Gräser beinhaltet. Wir sind immer bestrebt unsere Produkte zu verbessern.»

Bauhaus (Schweizer): «Die beanstandete «Wehrlose Trespe» ist heute in der Schweiz ein typischer Vertreter von Fromentalwiesen an teilschattigen Standorten; sie wird aber seit April 2020 nicht mehr in der Mischung Flora Suisse eingemischt.»

Ökohum (Bodensee-Blütenträume): «Da oft Mitbewerber in der Jury sind, geben wir keine vollständige Liste bekannt. Auf unserer Homepage und den weiteren Veröffentlichungen sind 15 Arten genannt und bekannt. Die Mischung darf seit 2018 das Floretia-Gütesiegel tragen, es müssen also zwingend einheimische Arten drin sein.»

Sativa: «Wir bieten verschiedene Wildblumenmischungen an. Die Rasenkräutermischung ist entstanden, weil es immer wieder Anfragen gab von Menschen, die ihren Rasen natürlicher gestalten möchten, ihn aber teilweise auch weiter als Rasen und nicht als Wiese nutzen möchten. Deshalb ist die Mischung weniger breit aufgebaut als andere. Wir haben uns auf robuste Pflanzen konzentriert. Gräser hat es aus diesem Grund bewusst auch nicht in der Mischung. Zur Keimfähigkeit: man muss bei Wildblumensamen darauf hinweisen, dass das Wildpflanzen sind, bei denen das Keimverhalten nicht genau gleich ist wie bei Kulturpflanzen, die auf ein gleichmässiges Keimen selektiert sind. Wildblumensamen keimen oft in mehreren Wellen, d.h. ein Teil überlagert und keimt später.»

Artha Samen: «Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass der Beitrag aufzeigt, dass die Anlage einer ökologisch wertvollen Wildblumenwiese Zeit und Geduld braucht. Der Konsument kauft jedoch solche Mischungen häufig in der Erwartung ‚heute säen – morgen blühts‘. Was in der Natur Jahrzehnte braucht um zu entstehen, kann nicht in ein paar Monaten entstehen.»

Kritik der Hersteller

Einzelne Hersteller schreiben «Kassensturz», eine faire Bewertung ihrer Blumenmischung sei erst zwei oder mehr Jahre nach der Saat möglich. Dazu meint die Jury: «Für unseren Vergleich genügt es, dass die Pflanzen ein Jahr Zeit hatten, um zu wachsen. Das sieht man auch daran, dass bei viele Mischungen drei Viertel oder mehr Arten gekeimt sind, die auf den Verpackungen angegeben sind. Es kann sein, dass noch ein paar Arten keimen, aber das wird unsere Resultate nicht gross verändern.»

Kassensturz, 15.06.2021, 21:05 Uhr

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