«Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» von Rainer Maria Rilke 8/9

Ein grossartiger Vorleser interpretiert die Prosa eines grossen Lyrikers: Gert Westphal liest den einzigen Roman von Rainer Maria Rilke. Der vielschichtige Text von 1910 markiert den Durchbruch zur literarischen Moderne. Seine bildstarke Sprache ist eine Herausforderung für den Leser und die Hörer.

Schwarz-weiss Aufnahme von Gert Westphal.
Bildlegende: Gert Westphal liest: «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» von Rainer Maria Rilke keystone

Die Clochards in Saint-Germain-des-Prés faszinieren Malte ebenso wie sie ihn abstossen. Dabei ist der Unterschied zwischen einem Bettler und einem König gering. So verweist Malte auf den mittelalterlichen König Karl VI. (1368-1422), der vom Wahnsinn gepeinigt und schliesslich von den Pestwürmern zerfressen wurde und dennoch liebte ihn das Volk: «Denn dieses Jahrhundert hatte in der Tat Himmel und Hölle irdisch gemacht». So erinnert Malte ebenfalls an Papst Johannes den 22., der zu Zeiten des Schismas, als Europa von der Lepra bedroht war, in Avignon residierte und aus Hilflosigkeit reihenweise Glaubenssätze widerrief. Eine unsägliche Verwirrung war die Folge: «Alle versuchten das Teil und das Gegenteil. Alle hoben sich auf, Handlung war keine». Malte sucht seinen Platz, vor Gott, und auch im Theater, jenem Raum, der einst in der Antike Gemeinschaft gestiftet hat.

Sprecher: Gert Westphal Produktion: SRF 1973 Dauer: 47‘

Redaktion: Reto Ott