«Die Reise nach Petuschki» von Wenedikt Jerofejew 6/10

«Kaum habe ich was getrunken, gehe ich auf ihn los: Wer pfoll denn für dich die Kinder gropftfiehen? Puschkin, was? Er schnauzt zurück: Was denn für Kinder? Es sind doch gar keine da! Was hast du denn mit deinem Puschkin? Und so ging es jedes Mal, kaum dass ich ein bisschen was getrunken hatte.»

Blauer Zug mit Waggons im bahnhof.
Bildlegende: Ein typisch russischer Zug. Flickr/ Clay Gilliland

Dieser Klassiker der russischen Moderne ist ein einziger Rausch und gleichzeitig eine der besten Abbildungen der damaligen russischen Realität.

Die Reisenden im Zugabteil teilen ihren Wodka und ihren Rausch und wollen erzählen «wie bei Turgenjew, ja, wie bei Turgenjew» sie wollen einen Kreis bilden und andachtsvoll lauschen und sich Geschichten von der Liebe erzählen.

Doch was dabei herauskommt ist russisch, echt russisch: Da hört man von einem Mann, der vom Bette nicht mehr aufsteht, weil er sich in eine berühmte Harfenistin verliebt hat, ohne sie je gesehen zu haben. Uin einer grandiosen Anekdote (grandios auch vorgetragen von Schauspieler Josef Bilous) erzählt eine nuschelnde Unbekannte, wieso sie wegen Puschkin vier Vorderzähne verloren hat.

Wenedikt Jerofejew (1938-1990) studierte Geschichte und Literatur bis er von der Uni flog und sich fortan als Heizer, Wärter, in der Pfandflaschenannahme, als Milizionär, Strassenarbeiter und Monteur beim Fernmeldewesen durchs Leben schlug. Sein Meisterwerk «Die Reise nach Petuschki» entstand im Herbst 1969, wurde in Israel 1973 erstmals auf russisch publiziert und war erst 1988 leicht gekürzt in der Sowjetunion zu lesen.

Sie hören den Live-Mitschnitt der Lesung im Hamburger Literaturhaus am 27. Januar 1998.

Sprecher: Harry Rowohlt, Robert Gernhardt, Josef Bilous Übersetzung: Natascha Spitz Produktion: Kein & Aber 2001 Dauer: 28'

Redaktion: Susanne Heising