Wenn Reisen auf den Magen schlägt

Ab auf die Toilette oder an die Reling – die «Reisekrankheit» ist eine Spassbremse erster Güte. Dabei ist sie gar keine Krankheit, sondern eine natürliche Reaktion des Körpers.

«Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, denn da kann man fremde Länder und noch manches andre seh'n!» Heisst es in einem Volkslied aus dem letzten Jahrhundert. Wer an Reisekrankheit leidet, findet den angepassten Vers wohl treffender: «…denn da kann man viele Leute an der Reling k***en seh'n!»

Reisekrankheit ist nichts Neues

Die Reisekrankheit quält den Menschen bereits seit er in der Lage ist, sich nicht mehr nur zu Fuss fortzubewegen. So soll beispielsweise schon der legendäre Lawrence von Arabien während seiner Ritte durch die Wüste auf dem Kamel reisekrank geworden sein. Und auch der britische Admiral Horatio Nelson kämpfte auf hoher See nicht nur mit seinen Gegnern, sondern auch regelmässig mit aufkommender Übelkeit.

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Rund zehn Prozent der Menschen reagieren sehr empfindlich auf ungewohnte Bewegungen und Beschleunigungen, zehn Prozent sind relativ unempfindlich. Der Rest ist «normal» anfällig gegenüber dem Auftreten der Reisekrankheit. Frauen leiden etwas häufiger darunter als Männer – ein hormoneller Einfluss könnte eine Rolle spielen.

Tatsächlich kann jeder Mensch in jeder Phase seines Lebens von Reisekrankheit betroffen sein. Und obwohl die individuelle Neigung zur Reisekrankheit sehr unterschiedlich ist, lassen sich durch entsprechend harte Versuchsbedingungen – zum Beispiel durch Sitzen auf einem rotierenden Drehstuhl – bei jedem Menschen mit gesundem Gleichgewichtsorgan Symptome auslösen.

Reisekrankheit ist keine Krankheit

Tatsächlich ist die Reisekrankheit gar keine Krankheit, sondern eine normale Reaktion auf ungewohnte Bewegungsreize, die den Organismus überfordern: Die Augen, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und die Bewegungssensoren des Körpers liefern dem Gehirn widersprüchliche Informationen – typischerweise im Zug, im Auto, im Flugzeug, auf dem Schiff, auf Bahnen im Vergnügungspark oder aber im 3D-Kino.

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«Die genaue Ursache für die Reisekrankheit kennt man nicht», erklärt Marcel Gärtner, Hals-Nasen-Ohren-Arzt am Kantonsspital Luzern. Es wird vermutet, dass ungewohnte Beschleunigungen und Bewegungen das Gehirn durcheinanderbringen. Beim Autofahren zum Beispiel registrieren Sensoren in den Muskeln keine Bewegung, da der Körper stillsitzt. Die Augen melden dem Gehirn jedoch schnelle Fortbewegung. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr wiederum liefert Informationen über Kurven und Beschleunigungen, die den ersten beiden Meldungen widersprechen. «Diese nicht übereinstimmende Flut von Informationen führt zu einer Überlastung des Gehirns», erklärt der Mediziner.

Die Folge sind kalter Schweiss, Schwindel, Abgeschlagenheit und Übelkeit. Unklar ist, ob die körperliche Reaktion auf das Durcheinander im Gehirn einen biologischen Zweck erfüllt, oder ob das Erbrechen (eigentlich ein Schutzreflex gegen Vergiftung) irrtümlich ausgelöst wird.

Auch die genaue Lage des hypothetischen «Fehlerzentrums» im Gehirn, welches die Sinneseindrücke vergleicht und die körperlichen Symptome verursacht, ist unklar. Theorien favorisieren die sogenannten «Vestibulariskerne» im Mittelhirn und den «Flocculus» im Kleinhirn. Sicher ist jedoch nur, dass die gesamte Reaktion ohne Beteiligung des Grosshirns abläuft.

Damit die Reise zum Genuss wird

Die einfachste, aber auch radikalste Massnahme gegen Reisekrankheit ist der Verzicht auf die «krankmachende» Aktivität. Bei Geschäftsreisen ist dies allerdings kaum eine Option und auch in der Freizeit fällt es sicher schwer, auf Reisen zu verzichten.

Am Universitätsspital Zürich versucht man etwas Neues. Ein Neurologen-Team hat mit Versuchen zu einem neuen Therapie-Ansatz gegen Reisekrankheit begonnen: einer Art Gewöhnungstherapie. Die Probanden werden dabei auf einem Drehstuhl mit ganz bestimmten Frequenzen rotiert, so dass das Zusammenspiel zwischen Augen und Gleichgewichtssinn synchroner wird. Ziel ist es, dass Personen, die reisekrank werden, nach fünf Sitzungen à jeweils 40 Minuten symptomfrei sind.

New Yorker Mediziner haben mit diesem Verfahren bereits erste Erfolge erzielt. Die Versuchs-Reihe am Universitätsspital Zürich hat gerade erst begonnen, Resultate liegen noch keine vor.

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