Cochlea-Implantat – Der Weg aus der Stille

Noch vor 20 Jahren demonstrierten Schwerhörige gegen das Cochlea-Implantat. Heutzutage findet dieses Wunderwerk der Technik den Weg schon zu gehörlosen Kleinkindern. 80 Prozent von ihnen können damit genug hören, dass sie damit später sogar die Regelklasse besuchen können.

Ein Cochlea-Implantat (kurz CI genannt) ist eine Innenohrprothese, die hochgradig schwerhörigen und gehörlosen Kindern das Hören ermöglicht. Je früher sie das Implantat erhalten, desto besser, denn für ihre Entwicklung ist es wichtig, dass sich das Hör-Sprachzentrum in den ersten Lebensjahren gut entwickeln kann.

Voraussetzung für ein Cochlea Implantat

Aber auch für spätertaubte Kinder und Erwachsene, denen herkömmliche Hörgeräte wenig oder gar keinen Nutzen mehr bringen, ist das CI eine Lösung. Wichtig ist hierbei, dass das Hirnareal, das für das Hören zuständig ist, nicht zu lange keinen Reizimpuls vom Hörnerv bekommen hat.

Intakte Hörnerven sind die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche CI-Versorgung. Die Cochlea-Implantate umgehen den Teil des Ohres, der nicht funktioniert: Sie nehmen die Geräusche auf und wandeln sie direkt in elektrische Impulse um, die wiederum den Hörnerv in der Hörschnecke stimulieren. Die Reize gelangen dann über die noch intakten Wege ins Gehirn, wo sie, genau wie bei Hörenden, verarbeitet werden.

Durch Hirnhautentzündungen (Meningitis) ertaubte Kinder und Erwachsene sollten innerhalb weniger Wochen nach der Erkrankung mit einem CI versorgt werden, da die Gefahr der Verknöcherung der Hörschnecke (lat. Cochlea) sehr gross ist. Elektroden können danach schwieriger in das Innenohr eingeführt werden, was das Ergebnis verschlechtern kann.

Risiken und Nebenwirkungen

Probleme treten sehr selten auf, etwa drei Prozent zählen zu den «Non-Usern». Die Implantation dauert in der Regel eineinhalb bis zwei Stunden in Vollnarkose und bedingt einen stationären Aufenthalt von wenigen Tagen. Sie zählt unterdessen als Routine- Operation, die die meisten Patienten sehr gut tolerieren. Blutungen oder Infektionen treten nur selten auf.

Manchen Patienten ist nach der Operation kurzzeitig etwas schwindelig, Schmerzen haben sie in den meisten Fällen jedoch nicht. Sehr selten kann der Eingriff Gesichts- und Geschmacksnerven beeinträchtigen. Beide Nerven laufen im OP-Bereich zusammen. Um den Gesichtsnerv zu schützen, wird während der Operation ein Monitoring durchgeführt. Kommt der Operateur zu dicht in die Nähe des Nervs, ertönt direkt ein Signal und warnt den Chirurgen vor weiteren Schritten. Das Ziel dabei ist, das noch bestehende Rest-Hörvermögen zu bewahren. Ein Cochlea-Implantat ist keine Einbahnstrasse: Sollten in der Zukunft neue Lösungen verfügbar sein, steht dem nichts im Wege.

Forschung – Zukunftsmusik in der Schweiz

Seit dem ersten Cochlea Implantat von 1977 wird in der Schweiz zum Cochlea-Implantat geforscht. Seitdem sind die Implantate immer kleiner, leichter, dünner und robuster und für den Akustiker leichter einstellbar geworden.

  • Hybrid-Geräte: Schon auf dem Markt sind kombinierte Geräte zur akustischen und elektrische Stimulation (EAS) – sprich: ein sogenanntes Hybrid-System aus Cochlea-Implantat und Hörgerät. Das Hörgerät überträgt vor allem den Tieftonbereich von 0 bis 300 Hertz. Das CI hingegen arbeitet im 200 bis 8000 Hertz-Bereich. Diese Methode eignet sich für hochgradig schwerhörige Menschen, die tiefe Töne bis 1000 Hertz noch wahrnehmen können, deren Hörvermögen in höheren Frequenzbereichen allerdings nicht mehr ausreicht, um Sprache verstehen zu können.
  • Haarzellen schützen: Das Universitätsspital Basel arbeitet derzeit an einem Ansatz, der Haarzellen im Innenohr während der Operation vor dem Absterben schützen soll. Wichtig ist, dass der Patient über die Operation hinaus das Restgehör behält. Zum anderen untersuchen die Basler Forscher die Biologie des Hörnervs, den die Elektroden des Cochlea-Implantats stimulieren. Entscheidend dabei ist die Frage, wie er noch besser an die Elektrode gekoppelt werden kann und welche Signale den Hörnerv steuern.
  • Auflösung verbessern: Eine erhöhte Frequenzauflösung und eine verbesserte zeitliche Auflösung sind für die Musikwahrnehmung erforderlich. Darum wird am Universitätsspital Zürich geforscht, wie die Übertragung von Musik durch das CI verbessert werden könnte – durch eine feinere Auflösung und bessere Stimulation der Nervenzellen und entsprechend einer zielgenaueren Reizung der betreffenden Hirnregionen. Ein weiteres Forschungsprojekt untersucht, wie das räumliche Hören (zum Beispiel das Richtungshören oder die Distanzwahrnehmung) verbessert werden kann.
  • Das 24-Stunden CI: «Es soll wasserdicht sein»: Das ist ein grosser Wunsch von CI-Patienten. Zum Duschen müssen sie das Cochlea-Implantat ablegen – wie auch beim Schlafen. Darum wird an einem vollständig implantierbaren CI getüftelt. Im Moment sind Prototypen für Versuchsreihen in Produktion, aber bis diese auf dem Markt sind, wird es noch einige Jahre dauern. Zwar wurde 2008 in Australien schon bei vier Personen ein vollständig implantierbares CI eingebaut, doch die Vorteile waren minimal. Die Mikrofone waren zu schwach.
  • Stereo-Implantate: Geforscht wird auch an Stereo-Cochlea-Implantaten, die insbesondere das Telefonieren für CI-Träger deutlich erleichtern könnten.
  • Hörzellen aus dem Reagenzglas: Einen andere Idee verfolgt das Inselspital in Bern: Schon 2009 gelang es dem dortigen Ohrenarzt, Pascal Senn, Hörzellen im Reagenzglas zu züchten. Sie sollen einmal geschädigte Hörzellen im Innenohr ersetzen können.
  • Hörzellen spriessen lassen: Auch im Bereich der Nanotechnologie und Stammzellen-Forschung stellt das Gehör ein Forschungsgebiet. Ziel ist, Hörzellen wieder zum Wachstum anzuregen und dem Implantat so mehr Stimulationsfläche zu bieten. Das käme nicht zuletzt dem Hören akustischer Feinheiten zugute. Im nächsten Schritt folgen hier erste Tests an Tieren.

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