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Hoffnung bei Migräne Der teure Meilenstein

Die neuen Migräne-Medikamente sind teuer, helfen aber nicht jedem. Trotzdem sprechen Experten von einem Meilenstein.

Legende: Video Migräne – Neues Medikament weckt Hoffnungen abspielen. Laufzeit 15:55 Minuten.
Aus Puls vom 27.08.2018.

Migräne-Patienten sind mit wenig zufrieden. Wenn ein prophylaktisches Medikament ihre Anfälle nur schon um die Hälfte reduziert, sind sie froh. Kaum einer wagt davon zu träumen, nie wieder eine Migräne-Attacke erleiden zu müssen.

Die neue Generation von Migräne-Medikamenten, von denen eines auch schon in der Schweiz erhältlich ist, macht Patienten und Patientinnen Hoffnung: Es sind die ersten Prophylaxe-Medikamente, die auch wirklich gegen Migräne entwickelt wurden. Bis anhin mussten Migräne-Patienten Antidepressiva, Präparate gegen epileptische Anfälle oder Blutdrucksenker nehmen, um Migräne langfristig vorzubeugen.

Dieser Umstand war weder psychologisch hilfreich, noch physiologisch besonders wirksam und hatte zudem einen Haufen Nebenwirkungen, die den Alltag der Patienten stark beeinflusste: Gewichtszunahme, Sehstörungen, Sprachausfälle, Schwindel und Unkonzentriertheit.

Migräne-Attacke gar nicht erst ausgelöst

Die neuen Migräne-Prophylaxen wurden spezifisch gegen Migräne entwickelt: Antikörper blockieren die Andockstellen für ein köpereigenes Eiweiss namens CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide), das die Schmerzen auslösen kann. Messungen haben schon vor Jahren gezeigt, dass zu Beginn einer Attacke im sogenannten Trigenimusnerv grosse Mengen von CGRP freigesetzt werden.

Dieses bindet an spezielle Rezeptoren und setzt offenbar eine Kettenreaktion in Gang: Die Gefässe erweitern und entzünden sich, die Schmerzwahrnehmung steigt. Das Pulsieren der erweiterten Blutgefässe wird zum Schmerzreiz, den die Patienten als pulsierend-hämmernden Migräneschmerz wahrnehmen.

Der Wirkstoff Erenumab bindet zielgenau an das CGRP und macht es unschädlich. Dadurch wird die Migräne-Attacke gar nicht erst ausgelöst. Andere Wirkstoffe verhindern eine Migräne-Attacke auf ähnliche Weise, indem sie statt des CGRPs, die Andockstelle blockieren.

Manche profitieren, manche nicht

Erenumab wurde in drei verschiedenen Studien getestet. Bislang haben über 3000 Patienten an den Studien teilgenommen, darunter auch 20 Schweizer Patienten. Sechs Schweizer Zentren beteiligten sich an den Studien.

Die Studien haben gezeigt, dass Erenumab dem Placebo überlegen war. Bei vier von zehn Studienteilnehmern hatten nur noch halb so viele Migräne-Anfälle oder weniger. Ein paar wenige (10-15 Prozent) litten an gar keinen Attacken mehr. Jeder zweite profitierte nicht signifikant. Warum ist unklar. Man weiss aber, dass die Migäne auslösenden Faktoren divers sind: Gene, Hormone, Stress, bestimmte Nahrungsmittel und Stress.

Erenumab ist etwa gleich wirksam wie die bisherigen Prophylaxen. Trotzdem gilt der Wirkstoff als Meilenstein in der Migräne-Behandlung, weil es praktisch keine Nebenwirkungen hat. Allerdings fehlen derzeit jegliche Langzeitstudien. Welche Auswirkungen langfristig das Blockieren von CGRP im Körper hat, weiss man nicht.

Ob die Krankenkasse bezahlt, ist in Abklärung

Erenumab wird nicht der einzige CGRP-Antikörper bleiben. Bereits befinden sich Eptinezumab, Fremanezumab und Galcanezumab in der klinischen Entwicklung. Sie dürften in den kommenden Jahren auf den Markt kommen.

Der in der Schweiz bereits zugelassene Wirkstoff Erenumab, trägt den Namen «Aimovig» und ist auf Rezept erhältlich. Wie viel es kosten wird und ob es von der Krankenkasse übernommen wird, ist zur Zeit in Abklärung. Der Preis dürfte sich um die 600 Franken pro Spritze und Monat betragen. In den USA kostet die Behandlung 6900 US-Dollar im Jahr.

Das Bundesamt für Gesundheit prüft zur Zeit, ob Erenumab von den Krankenkassen übernommen werden soll. Da die Spritze teuer ist, ist davon auszugehen, dass nur Patienten mit einer bestimmten Anzahl Migräne-Attacken das Medikament bezahlt bekommen. Laut aerzteblatt.de, Link öffnet in einem neuen Fenster soll in Europa das Mittel nur bei Patienten eingesetzt werden, die mehr als vier Schmerzattacken im Monat haben und andere Prophylaxe-Mittel ausprobiert haben. Eine Entscheidung des BAG wird in den nächsten drei bis sechs Monaten erwartet.

Auf jeden Fall dürften die neuen Migräne-Prophylaxen sogenannte Blockbuster für deren Hersteller werden, die Milliarden-Umsätze versprechen.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Wer Medikamente täglich über Jahre hinweg nimmt, muss feststellen das die Nebenwirkungen meist grösser sind als deren Nutzen. Leichtfertig werden da Schmerzmittel und Magenschutz über Jahre hinweg verschrieben, anstatt die Ursachen zu therapieren. Aber dazu hat der Arzt ja gar keine Zeit. Ich gehe kaum noch zum Arzt weil ich mir nur noch verarscht vorkomme. Will ich mehrer Themen angehen, muss ich für jeden Punkt einen neuen Termin abmachen. Aber selbst dann bleibt kaum Zeit gründlich vorzugehen
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