Seuche von gestern, Bedrohung von morgen?

Auf das Ebola-Virus richtet sich aktuell die Aufmerksamkeit der ganzen Welt. An noch verheerendere Erreger aus der Vergangenheit denkt kaum noch jemand – dabei könnten uns zum Beispiel die Pocken an unerwarteter Stelle wieder einholen.

Viren sind Überlebenskünstler. So ist es beispielsweise kürzlich Wissenschaftlern gelungen, ein 30‘000 Jahre altes Grippevirus zu reaktivieren. Das befällt zwar nur Amöben, aber wenn bei Bauarbeiten eine nicht einmal 200 Jahre alte Leiche mit Pockenbeulen zum Vorschein kommt, liegt der Gedanke nahe, ob da nicht noch aktive Erreger vorhanden sein könnten.

Mit der Situation konfrontiert waren Bauarbeiter im New Yorker Stadtteil Queens, als sie ein altes Fundament ausgruben und dabei auf einen metallischen Gegenstand stiessen – und auf einen Leichnam.

Das vermutete Mordopfer entpuppte sich als eine Afroamerikanerin, die Mitte des 19. Jahrhundert in einem kunstvoll verzierten eisernen Sarg beigesetzt worden war. Die offensichtlich unangemessen luxuriöse letzte Ruhestätte gab zunächst Rätsel auf, bis die herbeigerufenen Forensiker Beulen am mumifizierten Körper bemerkten, die sich bei näherem Hinsehen als Pockenspuren entpuppten.

Der aufwändige Sarg war nicht zur letzten Ehrung gedacht, sondern als luftdichtes Behältnis eines Seuchenopfers.

Pocken-Viren werden (noch) nicht vernichtet

0:43 min, aus Puls vom 6.6.2011

Da unklar ist, wie lange das Pockenvirus in einem menschlichen Leichnam überleben kann, wurde umgehend die Seuchenschutzbehörde in Atlanta, Georgia, eingeschaltet. Spezialisten nahmen sich dem Fund an und untersuchten die entnommenen Gewebeproben auf Pocken-DNA oder sogar noch aktive Viruspartikel.

Das Ergebnis: Nichts. Keine intakte Viren-DNA und auch keine Spur von anderen Viren. Was sich mit der allgemeinen Lehrmeinung deckt, dass von solchen Funden keine erhebliche Gefahr ausgeht. Das Risiko, dass sich das Pocken-Virus also wie ein Zombie aus den Gräbern vergangener Zeiten erhebt, ist gering – völlig auszuschliessen ist es jedoch nicht. Besonders nicht bei Leichen in Zonen mit besonders kaltem Klima.

Das ist einer der Beweggründe dafür, dass die letzten Proben des 1980 für ausgerottet erklärten Erregers zu Forschungszwecken weiterhin in zwei Hochsicherheits-Labors (eins in den USA, eins in Russland) aufbewahrt wurden. Im Mai 2014 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO über die Zukunft dieser Viren zu entscheiden. Aus Vorsicht vernichten oder aus Neugier weiter erforschen? Man entschied sich für letzteres.