Auf Arztvisite im Inselspital

Die Hauptakteure im Spital sind Patientinnen und Patienten, Pflegende und Ärztinnen und Ärzte. Während der Visite treffen sie alle aufeinander. Zum Beispiel auf einer Chefarztvisite am Inselspital, Klinik für Gefäss- und Herzchirurgie.

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Auf Visite in der Insel

Christine Gollut hat einen Herzinfarkt erlitten. Zwei Mal musste sie operiert werden, beide Operationen hat sie gut überstanden. Sie kann am nächsten Tag nach Hause gehen. Zuerst steht aber die Chefarztvisite an.

Vor der Zimmertür stehen bereits die Oberärztin, die Pflegefachfrau und die Assistenzärztin. Sie warten auf den Chefarzt, den bekannten Herzchirurgen Thierry Carrel. Mit Verspätung und wehendem Arztkittel eilt er herbei.

Fach-Chinesisch

Die Assistenzärztin stellt Christine Golluts Fall kurz vor und benutzt dazu Fachvokabular, das ein Laie kaum verstehen würde. Deshalb geschieht das – im Gegensatz zu früher – auch vor ausserhalb des Patientenzimmers. Erst dann betreten alle das Zimmer und gruppieren sich um Frau Golluts Bett.

Der Chefarzt nimmt sich – heute und bei dieser Patientin jedenfalls – viel Zeit. Er hat sogar eine Zeichnung mitgebracht, anhand derer er den Eingriff nochmals erklärt. Auch für praktische Fragen nimmt er sich Zeit: Wie das eigentlich laufe mit dem Arztzeugnis für die Arbeitsstelle, will Frau Gollut wissen. Dann wendet sich Thierry Carrel ihrer Zimmernachbarin zu.

Kompliziertes einfach erklären

Christine Gollut ist voll des Lobes für die Arztvisite am Inselspital, auch dafür, dass sich heute der Chef persönlich Zeit genommen hat. Thierry Carrel sagt, die Visite sei ihm sehr wichtig: «Es ist offenbar eine Geste, die die Patienten sehr schätzen. Viele Patienten kennen mich aus den Medien. Es wäre schon merkwürdig, wenn keiner mich je sehen würde.»

Die Visite, das weiss man aus Untersuchungen, ist eine sehr komplexe Kommunikationssituation. Trotzdem findet Thierry Carrel, müsse man die Visite nicht speziell trainieren, wie das meiste andere im Spital: «Ich habe die Visite nie geübt.»

Qualitätskontrolle

Die Qualitätskontrolle sei aber sicher ein wichtiger Aspekt der Visite. Dabei schaut Thierry Carrel seinen Mitarbeitenden kritisch auf die Finger. Er sehe relativ schnell, ob ein Assistenzarzt seine Station im Griff habe.

Da klingt sie an, die strenge Hierarchie, für die das Spital und ganz speziell die Chefarztvisite berüchtigt ist. Auch wenn sich in den letzten Jahren am althergebrachten Ritual der Chefarztvisite vieles verändert hat, einige Elemente haben sich in Ansätzen halten können. Das findet jedenfalls die junge Pflegefachfrau Dorea Ajanic.

Überforderter Patient

Dorea Ajanic ist erst seit Kurzem in der Klinik für Gefäss- und Herzchirurgie, hat aber bereits anderswo Erfahrungen gesammelt: «Ich habe schon Visiten erlebt, da ist ein Arzt unter Zeitdruck ins Patientenzimmer gestürmt, hat dem Patient ein paar Begriffe an den Kopf geworfen und ist dann wieder gegangen.» Sie habe dann nochmals erklären müssen, was der Arzt eigentlich gemeint hatte, sagt die Pflegefachfrau.

In der Tat zeigen Untersuchungen, dass Patientinnen und Patienten nur einen Bruchteil dessen verstehen, was ihnen am Krankenbett von Ärztinnen und Ärzten erklärt wird.

Der Patient muss zufrieden sein

Auch die alten Hierarchien sitzen noch fest in den Köpfen, nicht zuletzt bei älteren Patienten. Zum Beispiel werde Männern noch immer mehr Kompetenz zugesprochen als Frauen, auch wenn der Mann vielleicht Praktikant sei und die Frau Assistenzärztin. Und: «Bei gewissen Fragen sind die Patienten schon froh, wenn es der Arzt nochmals erklärt, auch wenn wir von der Pflege das genauso gut könnten», sagt Dora Ajanic. Aber daran gewöhne man sich. Solange man zum Ziel komme und der Patient zufrieden sei, sei sie auch zufrieden, sagt Dora Ajanic.

Derweil neigt sich die Visite dem Ende zu. Ein letzter Patient noch, und Thierry Carrel wird in den Operationssaal gerufen.