Genanalyse – Lifestyle-Tests bald offiziell zugelassen?

Sogenannte Lifestyle-Gentests sind heute schon zahlreich im Internet erhältlich. Sie bewegen sich in einem rechtlichen Graubereich, denn das Gesetz regelt bis jetzt nur die medizinischen Gentests. Der Bund will dies nun ändern und Lifestyle-Gentests frei erhältlich machen.

Petrischale über einer Gensequenz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lifestyle-Gentests versprechen mehr Selbsterkenntnis, als sie tatsächlich liefern. imago

Gentests sind der neuste Schrei auf dem Weg zur Selbsterkenntnis: «Wüsste ich bloss mehr über meine Gene, dann wüsste ich auch, was mir gut tut.» Das versprechen zumindest Firmen, die Gentests für einen besseren Lifestyle verkaufen.

Es ist ein vollmundiges Versprechen, und eines, das manche Experten für problematisch halten – weil nicht klar ist, was die Tests wirklich bringen. Nun will der Bundesrat den Verkauf dieser Tests gesetzlich regeln.

Lifestyle-Gentests vom Kiosk

5:15 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 20.02.2015

Das geltende Bundesgesetz über die genetischen Untersuchungen beim Menschen regelt bis jetzt nur die medizinischen Gentests. Also Gentests, die von einem Arzt verordnet werden, zur Abklärung von Krankheiten oder eines Krankheitsrisikos. Der Verkauf von sogenannten Lifestyle-Gentests hingegen liegt zur Zeit in einem rechtlichen Gaubereich.

Fragliche Erkenntnisse

Dies will der Bundesrat nun ändern und den Verkauf von Lifestyle Gentests liberalisieren. Künftig sollen diese frei erhältlich sein, übers Internet beispielsweise oder auch am Kiosk um die Ecke. Dort kann man ein Testkit kaufen, schabt sich zu Hause mit einem Wattestäbchen ein paar Hautzellen im Mund ab und schickt dieses Stäbchen dann ins Labor. Einige Zeit später flattert Post ins Haus und gibt aufgrund des Genprofils beispielsweise Tipps zum Essverhalten oder macht Voraussagen darüber, ob jemand zu Fettleibigkeit neigen könnte oder nicht.

Experten können solchen Tests nicht viel Gutes abgewinnen. Andreas Papassotiropoulos ist Psychiater und Genetiker und Mitglied der Expertenkommission «Personalisierte Medizin» der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Er hält klar fest: «Es ist absolut unmöglich, anhand eines gentischen Profils vorherzusagen, welche Ernährungsgewohnheiten eine Person haben sollte, oder ob diese Person einen guten oder schlechten Charakter hat.»

Gewisse Tests bezeichnet Andreas Papassotiropoulos sogar als gefährlich: «So eine Information ist nicht einfach harmlos, denn sie kann durchaus eine Person in eine falsche Richtung lenken!» Ein Beispiel: Jemand lässt seine Neigung zu Fettleibigkeit untersuchen. Ein solcher Test ist im Internet für weniger als hundert Franken zu haben. Das Labor untersucht dabei mögliche Defekte auf dem MC4R-Gen, das indirekt für den Energiehaushalt im Körper zuständig ist – und bei gewissen Mutationen eine Neigung zu Fettleibigkeit verursachen kann.

Doch was fängt mit mit so einer Information an? Bei Entwarnung, was der häufigste Fall sein dürfte, gleich noch ein Guetzli und eine Tafel Schokolade dazu? Oder im umgekehrten Fall gleich auf den Diätzug aufspringen? Auf keinen Fall, wenn es nach Papassotiropoulos geht. «Ich nenne das ‹Gen-Astrologie›. Das ist wissenschaftlich schlicht und einfach unseriös.»

Problematischer Datenschutz

Andreas Papassotiropoulos, dessen Expertenkommission Berichte zu Handen der eidgenössischen Ethikkomission verfasst, sieht ein weiteres Problem, nämlich die Daten die generiert werden bei all diesen Tests. «Diese strikt persönlichen Informationen liegen teilweise irgendwo in einer Cloud herum und können bei Bedarf einfach ausgewertet werden.» Zum Beispiel für personalisierte Werbung. Bei manchen Firmen ist es sogar das explizite Geschäftsmodell, mit solchen Daten Geld zu verdienen.

Trotzdem: Werden die Gentests nicht allzu ernst genommen, könnte es ja durchaus auch Spass machen. So wie auch ein Horoskop Spass machen kann, wenn man es als Unterhaltung betrachtet. So ist auch Andreas Papassotiropoulos bei aller Kritik nicht für ein Verbot von Lifestyle-Gentests. Wichtig sei, dass endlich darüber diskutiert werde, was solche Tests können und was nicht.

Die neue Regelung des Bundes beinhaltet zur Zeit keine derartige Pflicht zur Aufklärung bei Lifestyle-Gentests. Einzig eine Bewilligungspflicht für die Testlabore ist vorgesehen. Immerhin sollen nun aber die Lifestyle-Gentests einen soliden Rechtsrahmen erhalten.

Und das letzte Wort ist auch noch nicht gesprochen, weil das Gesetz zur Zeit noch in der Vernehmlassung ist, wo von betroffenen Parteien und Verbänden noch Anpassungen gefordert werden können. Erst dann gelangt es zur Abstimmung ins Parlament und gegebenenfalls noch vors Volk.

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