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Gesundheitswesen Herzkatheter – Lukrative Spurensuche

Eine Studie der Universität Zürich kritisiert die stetige Zunahme von Herzkatheter-Eingriffen. Der Vorwurf: Die Kardiologen wählen lieber den teuren Eingriff statt einfacherer Diagnose-Verfahren.

Legende: Video Herzkatheter statt EKG – Beliebter Check als Geldmaschine? abspielen. Laufzeit 06:26 Minuten.
Aus Puls vom 16.03.2015.

In der Schweiz führen Kardiologen jährlich rund 47‘000 Mal bei Patienten einen Herzkatheter ein. Das Verfahren dient dazu, Verengungen an Herzkranzgefässen zu diagnostizieren und gegebenenfalls gleichzeitig mit einem Ballon oder einem sogenannten Stent zu behandeln.

Aber sind diese Eingriffe tatsächlich in so vielen Fällen angezeigt? Eine Studie der Universität Zürich im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften bezweifelt dies. In mehr als einem Drittel der Fälle werde vorschnell ein Katheter gesetzt, schreiben die Autoren. Unnötige Eingriffe aber seien aus ethischer und aus gesundheitsökonomischer Sicht zu vermeiden.

Zuerst auf den Ergometer, erst danach ins Herzlabor

Die meisten medizinischen Leitlinien betrachten eine Herzkatheter-Untersuchung (Koronarangiographie) erst dann als angezeigt, wenn ein vorgängiger Test auf dem Ergometer einen auffälligen Befund ergeben hat.

Im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften untersuchten Thomas Rosemann, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich, und Oliver Reich, Leiter der Abteilung Gesundheitswissenschaften der Helsana, ob diese Leitlinien eingehalten wurden. Grundlage waren Versicherungsdaten aus den Jahren 2012 und 2013. Die Forscher kamen zum Schluss, dass in 37,5 Prozent der Fälle kein Ergometer-Test absolviert worden war.

Vermeidbare Herzkatheter

«Es gibt sicherlich eine grosse Anzahl von Herzkathetern, die man vermeiden könnte», sagt Thomas Rosemann, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich. Die Gründe für eine vorschnelle Katheterisierung ortet er in einer «Technikgläubigkeit vieler Arzte», aber auch im finanziellen Anreiz. Der Diagnose-Eingriff kostet die Krankenkasse 6500 bis 8000 Franken. Demgegenüber kostet ein Ergometer-Test nicht einmal ein Zehntel dieser Summe.

Michael Zellweger, Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie, verteidigt die Herzkatheter-Untersuchung. «Der Untersuch ist zwar teurer als Ergometer-Tests, dafür bekommen wir eine endgültige Antwort.» Allerdings räumt auch er ein, dass der Eingriff mittlerweile zu oft durchgeführt werde. Zellweger schätzt, dass 15 Prozent der Herzkatheter unnötig seien.

Regelrechter Boom

2006 wurden schweizweit knapp 37‘000 Herzkatheter eingesetzt, acht Jahre später, 2013, waren es fast 47‘000. Dies entspricht einer Zunahme von rund 25 Prozent. Herzkatheter werden gegenwärtig an 32 Kliniken in der Schweiz angeboten.

4 Kommentare

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  • Kommentar von PD Dr. Steffen Glökler, Bern
    Die so genannte Sensitivität und Spezifität, eine koronare Herzerkrankung mittels Ergometrie zu entdecken, ist recht bescheiden.. Die Entscheidung, ob nach einer Ergometrie eine invasive Untersuchung gemacht werden soll, sollte seriöserweise auf einer Gesamtbeurteilung aller Faktoren basiert sein. Wenn die Ergometrie unauffällig ist, heisst das noch lange nicht, dass der Patient keine Erkrankung hat; im Zweifelsfall ist eine invasive Untersuchung deshalb angebracht und nicht überflüssig !!!
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  • Kommentar von m. e., Solothurn
    Ein einseitiger Bericht über die Herzkatheteranwendung. Die Zunahme von 25% muss mit der demografische Entwicklung der Bevölkerung in Verhältnis gesetzt werden. Hätte sich mein Kardiologe sich auf das Belastungs-EKG verlassen und keine Herzkatheteruntersuchung angeordnet, würde ich heute nicht mehr leben. Das Belastungs-EKG lieferte trotz 10 fast verstopfter Herzkranzgefässe, ein positives Ergebnis.
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  • Kommentar von Dr. med. Augusto Aragão, FMH Kardiologie, Am Wasser 114i, Zürich
    Es würde mich interessieren, wie Dr. Thomas Rosemann bei einem Patienten mit einem, wie im Filmbeitrag gut sichtbaren Herzschrittmacher und mit einem aus diesem Grund bei Belastung nicht beurteilbaren EKG (LSB-Morphologie und eindeutigen ST-Senkungen, insbesondere in den lateralen Ableitungen), behaupten kann, dass bei diesem Patienten mit thorakalen Druckgefühlen ein Belastungs-EKG genügt, um eine koronare Herzkrankheit auszuschliessen.
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