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Gesundheitswesen Warum Tessiner Kinder weniger Ritalin erhalten

Der UNO-Kinderrechtsausschuss kritisiert, dass Schweizer Kinder zu viel Ritalin erhalten. Aber nicht überall in der Schweiz greifen Kinderärzte gleich schnell zum Medikament. So ist man im Tessin viel zurückhaltender mit der Abgabe von Psychopharmaka. Dies hat kulturelle Gründe – aber nicht nur.

Verkehrstafel auf dem Gotthardpass. Links geht es ins Tessin, rechts in die Deutschschweiz
Legende: Südlich und nördlich des Gotthards greift man unterschiedlich schnell zu Ritalin. Keystone

Der Tessiner Kinderarzt Andreas Wechsler kennt die Wirkung von Ritalin aus eigener Erfahrung. Alle Mitarbeiter seiner Praxis in Lugano hätten einmal Ritalin probiert, sagt er. Die Wirkung sei frappant gewesen, er konnte hochkonzentriert stundenlang arbeiten.

Wer also methylphenidathaltige Medikamente an laute und unkonzentrierte Kinder abgibt, erziele immer eine positive Reaktion. Viele Tessiner Kinderärzte aber finden dies falsch, sagt Andreas Wechsler. Er ist als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Entwicklungspädiatrie für das Tessin zuständig und hat durch diese Tätigkeit auch viel Kontakt mit Deutschschweizer Kollegen.

Eine Kultur der grösseren Toleranz

«Niemand hat es gern, wenn Kinder lärmen», sagt Wechsler. «Aber: Im Tessin stört dies weniger.» Die Toleranz der Gesellschaft sei grösser was Kinder angeht. Dies habe zum einen mit der Mentalität südlich des Gotthards zu tun. Dazu komme ein Schulsystem, das schon seit Jahrzehnten voll und ganz auf den integrativen Ansatz setzt.

Tessiner Kinder kommen viel später als Deutschschweizer Kinder in unterschiedliche Leistungszüge. Dies führt laut Wechsler dazu, dass für die Tessiner die Bandbreite der Normalität weiter ist als in der Deutschschweiz.

Eine Aussage, die von Fachkräften, die die unterschiedlichen Schweizer Schulsysteme kennen, bekräftigt wird: Ein unruhiges Kind fällt im Tessin grundsätzlich später auf als in der Deutschschweiz. Die Diagnose «ADHS» wird also später gestellt.

Psychopharmaka als letztmöglicher Ausweg

Ein weiterer Unterschied besteht auf der Ebene der Therapie. Im Tessin würden methylphenidathaltige Medikamente erst eingesetzt, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten wie Maltherapie oder Ergotherapie versagen.

«Es kann bis zu zwei Jahren dauern, bis ich nach der Diagnose Ritalin verschreibe», sagt Valdo Pezzoli, Chefkinderarzt am Regionalspital Lugano. Somit sei die Fehlerquote sehr gering. Und dies erachtet Pezzoli als sehr wichtig. Er wolle nicht die Gehirne von gesunden Kindern mit Ritalin dopen.

Würden aber solche Medikamente richtig eingesetzt, seien sie ein Segen für das Kind. Und das Kind, um das gehe es ja. Kinder dürften nicht ruhig gestellt werden, weil sie so dem Leistungsdruck der Gesellschaft besser Stand halten können. Der Leistungsdruck und das allgemeine Stressempfinden seien zudem im Tessin noch etwas geringer als im Norden.

Es gibt auch in der Deutschschweiz viele Kinderärzte die beunruhigt darüber sind, dass viele Kinder mit Psychopharmaka therapiert werden. Nur praktizieren sie eben in einem Umfeld, das anders als das der Tessiner Kinderärzte ist. Und das gemäss UNO-Kinderrechtsausschuss zu einem zu starken Ritalin-Gebrauch führt.

Das zuständige Bundesamt will jetzt die Empfehlungen der UNO prüfen. Der Bundesrat seinerseits hat in der Beantwortung eines Vorstosses Ende letzten Jahres seine Antwort schon gegeben: er sieht zur Zeit in Sachen Ritalin keinen Handlungsbedarf.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Agnes Mettler, Minusio
    Die Frage ist, wie viele Kinderärzte es im Tessin überhaupt gibt, nicht sehr viele (verglichen mit dem Rest der Schweiz)........ein Kinderspital gibt es, so viel ich weiss, überhaupt nicht - auch das könnte ein Grund sein, dass im Tessin weniger Ritalin verschrieben wird. Selbst Andreas Wechsler scheint kein Tessiner zu sein, ist aber für den Tessin zuständig.....
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    1. Antwort von Agnes Mettler, Minusio
      "Ein unruhiges Kind fällt im Tessin grundsätzlich später auf als in der D-Schweiz. Die Diagnose «ADHS» wird also später gestellt." Es gibt im Tessin auch kaum Therapieplätze für irgendetwas, es gibt keine Förderung für Hochbegabte. Mein Sohn hat in der Klasse Schüler, die den Unterricht massivst stören (wie viele ADHS haben und vielleicht froh wären, dass Ihnen geholfen wird, weiss ich nicht).
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    2. Antwort von Agnes Mettler, Minusio
      Nichts machen, ignorieren, keine Therapie anbieten und nachher wird das ausgelegt als: "Die Toleranz der Gesellschaft sei grösser was Kinder angeht. Dies habe zum einen mit der Mentalität südlich des Gotthards zu tun. Dazu komme ein Schulsystem, das schon seit Jahrzehnten voll und ganz auf den integrativen Ansatz setzt."....da habe ich ziemlich Mühe.
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  • Kommentar von James Klausner, Interlaken
    Gerne sähe ich es, wenn wenigstens der Artikelschreiber sich die Mühe machen würde, sich über die Wirkungsweise von Ritalin/Methylphenidat zu informieren. Ritalin wirkt nicht sedierend und die Phrase "ruhig stellen" ist hier völlig unangebracht. Kaum ein Medikament ist in seiner Wirkungsweise so gut erforscht wie Ritalin, Informationen sind zuhauf verfügbar. Die ganzen Mythen, Märchen, Vorurteile über Ritalin sind völlig unangebracht.
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    1. Antwort von Esther Probst, Flüelen
      klären Sie uns auf, verehrter Herr Klausner
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    2. Antwort von Barbara Müller, Berner Oberland
      häufig nehmen sich Eltern auch zu wenig Zeit sich dem Kind zu widmen, laute, wilde Kinder sind nun mal intensiver, es wäre jedoch schade wenn diese in unserer Gesellschaft keinen Platz fänden - sie brauchen nur genug Zuwendung und Raum.
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  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Leider wird den Kindern das Ritalin (Psychpharmaka) gegeben, damit sie sich ruhige verhalten + besser führen lassen. Es ist eine Schande! Besser würde man die Psychologen, Eltern, Lehrer usw. die dieses Vorgehen gutheissen, in eine Schule schicken um zu zeigen wofür die Energie der Kinder gut ist. Wenn ich heute in die Schule ginge, würde ich ebenfalls Ritalin erhalten. Es war aber für mich der einzige Sinn im Leben mich zu bewegen, mich mit andern zu messen, für die Schwächeren zu Kämpfen usw.
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