Nach dem Rücktritt sich selbst überlassen

Treten Spitzensportler zurück, folgt auf das Rampenlicht oft die grosse Leere. Nicht nur die Sicherheit des strukturierten Trainingsalltags ist plötzlich weg, die Umstellung bringt auch gesundheitliche Probleme mit sich.

Frau mit einem riesigen Blumenstrauss winkt wehmütig in die Runde. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Rücktritt vom Spitzensport machte der Schweizer Weltklasseturnerin Ariella Kaeslin schwer zu schaffen. Keystone

Kraft, Biegsamkeit, Ausdauer: In kaum einer Sportart wird der Körper so gefordert wie im Kunstturnen. Die ehemalige Kunstturnerin Ariella Kaeslin trainierte jahrelang 30 Stunden pro Woche – bis zum Ende der Karriere. Dann kam es zum Zusammenbruch: «Weil ich von dieser jahrelangen Belastung halt ziemlich erschöpft war, sowohl körperlich als auch psychisch. Nur schon die Reduktion des Trainings von 30 auf vielleicht zehn Stunden: Da tut sich auch hormonell eine Menge. Es ist praktisch unmöglich, nichts zu spüren.»

Erschöpfung und Schlaflosigkeit, das sind nur zwei Symptome, die nach einer Sportlerkarriere auftreten können. Dazu kommen unkontrolliertes Schwitzen, unangenehmer Körpergeruch, Herz-Kreislauf-Probleme oder Verdauungsstörungen.

Veränderter Hormonhaushalt

Der jahrelang auf Spitzenleistungen getrimmte Körper mache nicht mehr mit, sagt Sport-Physiotherapeut Felix Zimmermann, der Spitzensportlerinnen und -sportler betreut: «Einerseits verändert sich der Hormonhaushalt, andererseits auch der ganz auf Spitzenleistung getrimmte Stoffwechsel, der plötzlich runtergefahren wird. Da kann eine Vielzahl von Beschwerden auftreten, die man zwar kennt, die aber häufig nicht bis ins Detail beschrieben sind.»

Diese Symptome können Sportler bekämpfen, indem sie das Training langsam reduzieren. «Am Ende geht es darum, den Körper schrittweise dazu zu bringen, wieder normal zu funktionieren», erklärt Zimmermann das Ziel des Abtrainierens, das unter Berücksichtigung der sehr hohen Belastungs- und Überlastungsschemen erfolgen muss, die ein Athlet wärend der Aktivzeit erlebt hat.

Bloss: Die Sportler sind dabei häufig auf sich alleine gestellt – so auch Kunstturnerin Ariella Kaeslin. «Man muss das schon selber in die Hand nehmen und ein Programm für sich finden. Das macht niemand für Dich.»

Kaum Hilfsangebote

Auf Anfrage beim Sportverband Swiss Olympic gibt es eine Broschüre zum Thema Nachsportkarriere. Die körperlichen Probleme werden darin in drei Sätzen erwähnt.

Sportarzt Patrick Noack berät den Verband in medizinischen Fragen und sieht grundsätzlichen Nachholbedarf: «Da müsste man schon noch zulegen. Wenn jemand aufhört, denkt man vielleicht an die gemeinsame Zeit zurück. Aber das Vorausschauende, das ist schon etwas zu wenig vorhanden.»

Ehemalige Sportler würden manchmal keine oder zu spät Hilfe suchen. «Man ist noch im Spitzensportler-Denken und funktioniert einfach», weiss Noack. Da fühle man sich vielleicht schon etwas komisch, deswegen zum Arzt zu gehen.

Kunstturnerin Ariella Kaeslin hat es geschafft: Sie hat ihre körperlichen und psychischen Probleme überwunden und treibt heute in einem für sie gesundem Mass Sport. Sie hofft auf ein steigendes Bewusstsein bei Sportlern wie Sportorganisationen. «Es ist schwierig, weil das doch sehr individuelle Probleme sind, die da auf die Sportler zukommen.»

Sportler werden während der Karriere, wenn sie im Rampenlicht stehen, rundum betreut. Keine Kosten werden gescheut. Ist die Karriere aber zu Ende, fragt kaum einer, wie es ihnen geht.

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