Vom riskanten Starstich zur Routine-OP

Wie die Alterssichtigkeit trifft auch der Graue Star mit den Jahren praktisch jeden. Der Ersatz der getrübten Linse durch ein Kunststoffimplantat ist heute der weltweit häufigste chirurgische Eingriff überhaupt und ein enormer Fortschritt gegenüber den hemdsärmligen Methoden der Vergangenheit.

Mit den Jahren trüben unsere Linsen durch Eiweissablagerungen ein – was unbehandelt manchmal bis zur Erblindung gehen kann. Die einzig wirksame Behandlung gegen die trüben Linsen ist deren operative Entfernung und das Einsetzen künstlicher Linsen. Heute ein Routine-Eingriff fast schon auf Lifestyle-Niveau, der hierzulande rund 60'000 Mal pro Jahr durchgeführt wird.

Die Komplikationsrate ist gering. Das war nicht immer so. Der Komponist Johann Sebastian Bach starb 1750 an den Spätfolgen einer Staroperation. Der Augenarzt (oder wie man damals sagte: Okulist) John Taylor hatte bei Bach den «Star gestochen». Eine brachiale Methode, die seit dem Altertum angewendet wurde und heute noch in manchen Regionen der Dritten Welt gang und gäbe ist.

Mit einer «Starstichnadel» wird dabei – ohne Narkose! – in das Auge gestochen und die getrübte Linse auf den Boden des Augapfels gedrückt. Erstmals erwähnt wird dieser Eingriff um 1800 vor Christus bei den Babyloniern.

Wandernde Starstecher

Glückt der Eingriff, können Behandelte meist wieder Umrisse erkennen sowie Farben und Gestalten wahrnehmen. Das Risiko einer Blutung oder von Infektionen ist aber gross. Bis ins Mittelalter führten die von Stadt zu Stadt wandernden Okulisten oder Starstecher diese Eingriffe durch – und waren jeweils schnell wieder verschwunden, sobald Komplikationen auftraten.

Eine solche Komplikation wurde wohl Johann Sebastian Bach zum Verhängnis: Er starb wenige Monate nach dem Eingriff, wahrscheinlich an den Folgen einer Blutvergiftung.

Grauer und grüner Star bei Tieren

5:42 min, aus Musikwelle Magazin vom 23.09.2010

Tragischerweise hatte da der Pariser Arzt Jacques Daviel schon vor drei Jahren die moderne Star-Operation entwickelt – wenn auch mehr zufällig und aus der Not heraus: Daviel gelang bei einem Patienten der Starstich nicht nach Wunsch. Also entschloss er sich, die Linse herauszuziehen, die Linsenhülle aber zu belassen. Worauf der Patient überraschenderweise wieder Gegenstände erkennen konnte.

1949 erste Kunststofflinse

Das Belassen der Linsenhülle wurde erst gut 200 Jahre später als grosser Vorteil erkannt, als man dazu überging, in diese Hülle Kunstlinsen einzusetzen. Bis dahin mussten Starpatienten nach der Operation extrem starke Starbrillen tragen, um einigermassen normal zu sehen.

Ein entscheidender Schritt zur Behandlung des grauen Stars gelang während des Zweiten Weltkriegs: Der englische Arzt Harold Ridley beobachtete bei verunfallten Militärpiloten, dass ihre Augen die Plexiglassplitter aus zerborstenen Flugzeugkanzeln nicht abstiessen. Was ihn auf die Idee brachte, Kunstlinsen aus Plexiglas zu entwickeln.

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  • Grauer Star (Katarakt) bezeichnet die fortschreitende Eintrübung der Augenlinse durch Eiweissablagerungen.
  • Grüner Star (Glaukom) ist eine komplexe Erkrankung des Sehnervs, die verschiedene Ursachen haben kann.

1949 implantierte Ridley die erste künstliche Augenlinse. Aus heutiger Sicht waren diese grob und schwer, und die ersten Patienten wurden mit der Zeit kurzsichtig. Es dauerte noch Jahrzehnte, bis es möglich wurde, jedem Patienten eine individuell angepasste Linse einzusetzen.

Heute ambulanter Routineeingriff

Unterdessen ist die Staroperation ein Routineeingriff, der im Normalfall rund 20 Minuten dauert und ambulant durchgeführt wird. In über 95 Prozent aller Fälle werden Monofokallinsen eingesetzt, die ein scharfes Sehen in die Ferne respektive in die Nähe ermöglichen. Für die jeweils andere Sicht muss eine Brille getragen werden.

Multifokallinsen ermöglichen theoretisch ein besseres Sehen in mehreren Entfernungsstufen. Allerdings wird auf keine Distanz ein wirklich scharfes Bild erreicht. In der Praxis haben sich diese Linsen denn auch noch nicht flächendeckend durchsetzen können.

Was angesichts der Bestrebungen um eine ausgefeilte, noch bessere Abstufungen der Sehkraft nicht vergessen gehen darf: Weltweit ist der Graue Star nach wie vor die häufigste Ursache für eine Erblindung.

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