Babyschwimmen - Kleine Schwimmer, fitte Babys?

Tauchen, strampeln, schwimmen: Schon ab der 6. Lebenswoche dürfen Babys ins 32 Grad warme Becken. Babyschwimmen soll fit machen, zeigen verschiedene Studien. Andere bescheinigen dem Badespass für die Kleinsten jedoch, Asthma, Durchfall, Ohrenentzündungen und Ekzeme zu fördern.

Normalerweise bewegt sich ein Säugling ab etwa einem halben Jahr robbend, krabbelnd oder kriechend fort. Im Wasser können sich Kinder schon früher selbst fortbewegen. Das soll die Muskulatur lockern und kräftigen und die natürliche Beweglichkeit fördern – bereits ab der sechsten bis siebten Lebenswoche. Ziel ist nicht, dem Baby Schwimmen zu lernen, sondern Spass zu haben und die Bindung zwischen Kind und Eltern zu intensivieren. Studien zeigen, dass auch die Motorik profitiert – jedoch nicht signifikant. Das heisst: Kinder, die von klein an regelmässig ins Wasser dürfen, sind später nicht geschickter oder intelligenter als andere. Anreize für Bewegung zu schaffen, schadet jedoch nie – egal, ob an Land oder im Wasser.

Geschichtlicher Rückblick

Antiken Sagen, Wandmalereien und Berichten zufolge gewöhnten am Wasser siedelnde Völker ihre Kinder schon früh ans Wasser. Für die Griechen galt das frühe Schwimmenlernen als Zeichen von Bildung, die Kelten und Germanen nutzten das kalte Wasser für Tauchbäder zum Abhärten der Säuglinge.

Seit 1897 werden die Bewegungen der Babys im Wasser auch wissenschaftlich untersucht. Im Zuge der Intelligenz- und Lernforschung während der 70er-Jahre entstand der Trend, empirische Nachweise über die Möglichkeit der Frühförderung zu erbringen, insbesondere im Bereich der Heilpädagogik. Der Begriff Frühstimulation etablierte sich. In den 90er-Jahren fanden die Ideen immer breitere Akzeptanz. Schwimmschulen und -programme schossen wie Pilze aus dem Boden. Warmwasserbecken lockten zunehmend auch Eltern mit ihren Nachwuchs. Heute gibt es in der Schweiz über 50 verschiedene Babyschwimmanbieter.

Früher Tauchreflex

Der Säugling ist mit einer Reihe von Schutzreflexen und -reaktionen ausgestattet, die zu einem gewissen Teil im Laufe des ersten Lebensjahres verschwinden. Dazu gehört auch der Atemschutz- oder Tauchreflex, den alle lungenatmenden Lebewesen beim Eintauchen ins Wasser haben. Wenn Wasser Mund oder Nase benetzt, blockieren gesunde Kinder automatisch die Atmung und öffnen die Augen – zum Beispiel, wenn es bei einer Tauchübung ganz kurz von der Kursleiterin zu den Eltern unter Wasser durchtaucht.

Die Steuerung läuft hierbei über das vegetative Nervensystem und ist ein Schutz vor schnellem Ertrinken. Wasser kann dadurch nicht in die Lungen gelangen, der Herzschlag verlangsamt sich und der Blutkreislauflauf zentralisiert sich. Damit reduziert sich der Sauerstoffversorgung auf die überlebenswichtigen Organe. Der Tauchreflex bietet jedoch keinen Schutz vor normalem Verschlucken und auch nicht vor dem «langsamen» Ertrinken.

Reflexschwimmbewegung und die Atemmuskulatur

Der Säugling bewegt sich im Wasser erstmals dreidimensional. Er kann die Beine ungehindert und schwerelos unter den Körper ziehen. Diese ersten Reflexschwimmbewegungen bleiben bis zum fünften Monat. Sie werden danach von symmetrischen Beuge- und Streckbewegungen abgelöst und ab dem elften Monat zur willkürlichen Fortbewegung als eine Art Laufbewegung in senkrechter Position durchgeführt. Die instinktiven Schwimmbewegungen aktivieren das zentrale Nervensystem. Die grossflächigen Berührungsreize durch den Wasserwiderstand stimulieren die unter der Haut liegenden Nervenfasern, die Muskeln entspannen sich. Nach dem Schwimmen schlafen die Säuglinge daher tiefer und länger.

Die laue Wassertemperatur von 31 bis 33 Grad Celsius provoziert aktive Bewegung, vertieft die Atmung und regt das Herz-Kreislauf-System an. Durch den Wasserdruck auf den Brustkorb atmet das Kind stärker aus, die Atemhilfsmuskulatur soll gekräftigt werden, mit wiederum positiver Auswirkung auf die Entwicklung des Brustkorbs.

Babyschwimmen – Schwimmprofis?

Das Babyschwimmen hat anfangs nichts mit Schwimmen im eigentlichen Sinn zu tun. Es ist zwar möglich, dass sich ein Kind, das laufend das Babyschwimmen besucht hat, im Alter von 20 Monaten schon einige Meter selbständig über und unter Wasser fortbewegen kann. Dies nennt man in der Fachliteratur «Selbstrettung». Das Kind springt zum Beispiel ins Wasser, rettet sich zum Beckenrand und kann sogar selber aus dem Becken klettern. Aber im Unterschied zum Schwimmen kann es sich nicht 15 Minuten im Wasser alleine fortbewegen.

Das richtige Schwimmen als positiver Nebeneffekt entwickelt sich eher nebenher. Denn das Kind lernt das Element Wasser als eine natürliche Sache kennen. Ab zwei bis drei Jahren können Kinder richtige Schwimmbewegungen lernen. Trotzdem: Babyschwimmen bietet keine Garantie, dass das Kind nicht ertrinken kann. Darum dürfen Kinder an Gewässern nie alleine gelassen werden.

Gesundheitliche Risiken

Durchfall: Wenn die Wasserqualität gut ist, stellt das Wasser an sich keine Gefahr dar. Bakterien oder Viren, die zu Durchfall führen können, tötet das Chlor ab. Bei Babys führen hauptsächlich Viren zu Durchfallerkrankungen. Diese werden aber vor allem von Mensch zu Mensch übertragen.

Ohrenentzündungen: Das Wasser hat keinen Einfluss. Eine Mittelohrentzündung entsteht durch Bakterien. Diese kommen jedoch nicht im Badewasser vor. Es kann aber sein, dass ein Kind mit angeschlagenem Immunsystem eher erkrankt.

Ekzeme/Neurodermitis: Nach dem Baden ist es wichtig, die kleinen Schwimmer ausgiebig einzucremen. Dafür entweder rückfettende Cremes oder Lotionen verwenden und auf den Hauttyp achten. Denn das Wasser schwächt die Hautbarriere und kann so Ekzeme oder Neurodermitis fördern. Wenn das Kind bereits eine sensible Haut oder Pilzinfekte hat, sollte ein Kinderarzt vor einem Schwimmbadbesuch grünes Licht geben.

Asthma: Ist das Wasser mit viel Chlor angereichert, kann es sich als Trichloramin in die Luft verflüchtigen. Dies kann die Schleimhäute ätzen. Studien zeigen: Ist zu viel Chlor im Wasser und das Schwimmbad schlecht belüftet, haben Babyschwimmer öfters Asthma als Babys, die keinen Kontakt mit gechlortem Wasser hatten. Chlor ist – ebenso wie andere Reize wie Zigarettenrauch oder Pollen – jedoch immer nur der Auslöser, nie die Ursache für Asthma. Die Veranlagung dafür ist vererbt. Wenn die Eltern starke Asthmatiker sind, sollten sie deshalb zum eigenen Schutz und dem des Kindes vom Babyschwimmen absehen oder den Kinderarzt um Rat fragen.

In der Schweiz wird der Chlorgehalt des Wassers genau überprüft – jedoch gibt es keinen Richtwert für Trichloramin in der Luft. Stichproben der SUVA zeigten jedoch, dass der Anteil bei 0,1 – 0,2 mg/m3 liegt. In Frankreich liegt der Grenzwert bei 0,3mg/m3 , in Belgien sogar bei 0,5mg/m3 . Weil jedoch vor allem belgische Studien vor Asthma beim Säuglingsschwimmen warnen, ist kritisch zu betrachten, inwieweit die Ergebnisse auf die Schweiz übertragbar sind. Ist zu viel Trichloramin in der Luft, reizt es sowohl die Nase als auch die Augen.

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