Der grösste Wunsch kann grosse Risiken bergen

Die Chancen, mit 45 noch Mutter zu werden, sinken auf unter 1 Prozent. Trotzdem werden in der Schweiz immer mehr Frauen später schwanger. Auch wenn im Einzelfall solche Schwangerschaften problemlos verlaufen – bei den Frauenärzten sind sie wegen erhöhter Risiken nicht immer gerne gesehen.

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Der grösste Wunsch kann grosse Risiken bergen

10 min, aus Puls vom 21.3.2011

«Ich bin schon 39 und hätte gerne ein Kind – soll ich es überhaupt noch probieren?» Diese Frage mag manche Frau mit Kinderwunsch ihrer Ärztin oder ihrem Arzt stellen. Und die mögliche Antwort? Die könnte etwa so lauten:

«Das ist ein sehr persönlicher Entscheid, aber auf jeden Fall nicht noch länger warten. Aus medizinischer Sicht würde eine allfällige Schwangerschaft bereits als so genannte ‹Risikoschwangerschaft› gelten. Da die Eizelle ab 35 Jahren rapide anfälliger wird für Chromosomenstörungen, nimmt die Chance für eine Schwangerschaft grundsätzlich ab.

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2:54 min, vom 21.3.2011

Sollte es erfreulicherweise mit 39 auf natürlichem Weg klappen, spielt Ihre Gesundheit eine Rolle. Hoher Blutdruck, Übergewicht, Diabetes... – das alles kann sich auf die Schwangerschaft und damit für Ihre Gesundheit und die Ihres Kindes negativ auswirken. Das heisst, mehr Fehlgeburten, mehr pränatale Diagnostik, mehr Fälle von Schwangerschaftserkrankungen. Diese sind zwar sehr selten, können aber unerkannt zu schwerwiegenden Folgen führen.»

Was heisst «mehr Chromosomenstörungen»?

Ein erster Grund für die erhöhten Risiken wie Chromosomenstörungen beim Kind aber auch Fehlgeburten ist das Alter der weiblichen Eizelle. Das im Gegensatz zu den Spermien des Mannes, die sich im Hoden erneuern und nur langsam altern. Die Eizelle einer Frau ist hingegen so alt wie die Frau selbst. Eine alte Zelle ist anfälliger für Chromosomenstörungen – so auch die Eizelle. Wird eine mit einer falschen Zahl von Chromosomen ausgestattete Eizelle befruchtet, kann es zu Trisomien (ein Chromosom kommt statt zweimal gleich dreimal vor) kommen. Trisomie 21 ist die häufigste zahlenmässige Chromosmenstörung. Normalerweise kommt es dann zu einer Fehlgeburt, das hat die Natur so eingerichtet und ist ein Zeichen dafür, dass das Kind schwer behindert gewesen wäre. Kommt es mit einer Trisomie 21 doch zu einer zu einer Geburt, dann hat das Kind ein sogenanntes Down-Syndrom oder «Mongolismus».

Beträgt das Risiko einer Trisomie 21 mit 30 Jahren etwa 0,1 Prozent steigt es mit 40 auf 1 Prozent, mit 45 Jahren sind es bereits 5 Prozent. In der Regel sind Embryonen mit Erbschäden nicht lebensfähig und es kommt zu einer Fehlgeburt. Das Risiko einer Fehlgeburt liegt mit 40 Jahren bei 23 Prozent, mit 43 Jahren bei 38 bis 40 Prozent und mit 45 Jahren bei 54 Prozent. Kommt es aber trotz Chromosomenstörung zu einer Geburt, resultieren daraus Kinder mit beispielsweise Down-Syndrom bei Trisomie 21.

Was heisst «mehr pränatale Diagnostik»?

Um herauszufinden, ob untersuchbare Erbschäden beim Embryo vorhanden sind, empfehlen die Ärzte die pränatale Diagnostik. Ab 35 Jahren ist sie krankenkassenpflichtig. Pränatale Diagnostik umfasst Ultraschall, Bluttests, Chorionbiopsie oder Amniozentese (Fruchtwasserpunktion). Ultraschallbilder und Bluttests geben erste Hinweise, ob beispielsweise beim Kind eine Trisomie 21, ein offener Rücken oder Herzprobleme vorliegen. Die Chorionbiopsie in der 11. Woche und später die Fruchtwasserpunktion in der 16. bis 18. Schwangerschaftswoche geben deutlich darüber Aufschluss, ob ein bekannter Gendefekt vorliegt. Beide Eingriffe sind nicht ganz risikofrei, die Abortrate nach einem solchen Eingriff liegt zwischen 0,5 und 1 Prozent.

Bei älteren Müttern werden häufig die Ultraschalluntersuchungen engmaschiger durchgeführt.

Was heisst «Schwangerschaftserkrankungen»?

Schwangerschaftserkrankungen, auch Gestosen genannt, häufen sich mit zunehmenden Alter. Aber auch der allgemeine Gesundheitszustand der Frau spielt für die Schwangerschaft eine Rolle, etwa Bluthochdruck, Übergewicht oder eine bereits bestehende Diabetes. Die wichtigsten sind:

  • Präeklampsie: Eine Präeklampsie – landläufig «Schwangerschaftsvergiftungen» genannt – hat weniger mit einer Vergiftung zu tun, sondern eher mit einer Fehlentwicklung der Plazenta, so wird heute vermutet. Sie ist eine der bedeutendsten Schwangerschaftskomplikationen.

    Durch möglicherweise erbliche oder immunologische Faktoren kommt es dazu, dass die Blutgefässe der Planzenta, welche den mütterlichen Kreislauf mit dem des Kindes verbinden, unzureichend ausgebildet sind. Dadurch treten Störungen in der Plazenta auf, es kommt zu Bluthochdruck und vermindertem Wachstum beim Kind. Von einer Präeklampsie betroffen sind rund 3 Prozent aller Geburten, ab 40 Jahren verdoppelt sich das Risiko auf 6 Prozent.

    Sie kann ab der 20. Schwangerschaftswoche auftreten. Engmaschige Urin- und Bluttests und Blutdruckmessungen sollen helfen, eine solche Störung frühzeitig zu erkennen. Eine Präeklampsie kann nur durch eine Entbindung beendet werden, häufig führt diese aber zu einer Frühgeburt, die wiederum für das Kind ein erhöhtes Risiko bedeuten. Unerkannt kann eine Präeklampsie zum mütterlichen Tod führen.

  • Schwangerschaftsdiabetes: Eine Schwangerschaftsdiabetes entwickelt sich meistens ab der 24. Woche. Sie kommt bei rund 6 Prozent aller Schwangerschaften vor, auch hier ist das Risiko mit über 40 erhöht, daran zu erkranken. Grundsätzlich kann eine Schwangerschaft mit Gestationsdiabetes unkompliziert verlaufen, wird diese rechtzeitig erkannt und behandelt. Unerkannt kann eine Schwangerschaftsdiabetes ein erhebliches Risiko für Mutter und Kind darstellen. Grund dafür sind eine mangelnde, verzögerte oder gestörte Produktion von Insulin in der Bauchspeicheldrüse oder eine gestörte Aufnahme in den Organen.

    Mögliche Komplikationen sind Harnwegs-/Nierenentzündungen, erhöhtes Wachstum des Kindes, welches zu übergewichtigen Kindern führt (über 4000 Gramm bei Geburt), Durchblutungsstörungen der Plazenta, Mangelentwicklung des Kindes, Frühgeburtsgefahr und vieles mehr.

Wieso «mehr Kaiserschnitte?»

Obschon das Alter der Mutter alleine keine medizinische Indikation für einen geplanten Kaiserschnitt bei Schwangeren über 40 Jahren ist, wird er bei Frauen über 40 bis 44 Jahren fast jedes zweite Mal angewendet. Zum Vergleich: bei Frauen unter 30 betrifft es jede Fünfte. Ein Grund für ist sicherlich, dass die Kinder dicker und schwerer sind bei Frauen über 35 Jahren und Mehrlingsschwangerschaften.

Wieso gibt es bei einer späten Schwangerschaft häufiger Zwillinge?

Ein Grund ist sicherlich, dass viele Paare wegen Unfruchtbarkeit den Weg der In-vitro-Befruchtung wählen. Da in der Schweiz nur die entnommene Eizelle der Frau und der Samen des biologischen Vaters verwendet werden dürfen, ist die Eizelle einer 40jährigen Frau auch wieder «alt», und dementsprechend sinken auch bei einer In-vitro-Befruchtung analog zu einer natürlichen Befruchtung die Chancen auf eine gesunde Schwangerschaft. Um die Chancen zu erhöhen, setzen die Reproduktionsmediziner ab 40 Jahren gerne zwei, maximal drei künstlich befruchtete Eier ein. So kann es zu Zwillings- oder sogar Drillingsschwangerschaften kommen. Ab 43 Jahren ist allerdings auch für die meisten Reproduktionszentren in der Schweiz die Grenze erreicht, danach werden keine In-vitro-Befruchtungen mehr durchgeführt.

Interessanterweise hat neben der Reproduktion auch das Alter an sich einen Effekt auf Mehrlingshäufigkeit. Diese steigt nämlich leicht an, je älter eine Frau wird.

Kann ich während der Schwangerschaft etwas unternehmen, damit ich als Spätgebärende weniger Probleme habe?

Ältere Schwangere können alles tun, was eine jüngere Schwangere auch tut: Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, möglichst verzichten auf Nikotin, Alkohol und Stress. Bei Spätgebärenden werden Blutdruck, Urin und Blutzucker engmaschiger kontrolliert, da diese Faktoren zur oben erwähnten Präeklampsie oder zu Schwangerschaftsdiabetes führen können.